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Spielend Sprache lernen

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Deutschlernen beginnt mit Zuhören, Verstehen und Mitmachen. Ein Besuch in der Gruppe «Stärnli» ermöglicht Einblicke in die frühe Deutschförderung und zeigt, dass die Spielgruppe weit mehr leistet als Sprachförderung: Sicherheit und Orientierung für einen möglichst ruhigen Übertritt in den Kindergarten.

Kinder spielen auf dem Boden in der Spielgruppe.
Als Seiltänzerinnen balancieren die Kinder der Gruppe «Stärnli» über das Seil.

Laut und fröhlich singen die Kinder mit. Das Wort «laut» begleiten sie mit einer Bewegung: Die Hände formen ein Megafon vor dem Mund. Mit gestreckten Armen auf den Zehenspitzen singen sie «gross», in der Hocke «klein». Viele weitere Adjektive werden spielerisch in die Lieder und Bewegungen eingebaut. Der Reihe nach werden die Namen der Kinder aufgerufen, dazu wird geklatscht. Die ausgelassene Stimmung ist ansteckend, die Kinder wirken gelöst.

Handlungsbasiert und alltagsintegriert
Der Singkreis als Willkommensritual hilft den Kindern beim Ankommen in der Spielgruppe «Stärnli». Dem Gesang hört man an, dass viele Kinder mitsingen, auch jene mit wenig Deutschkenntnissen. «Wir arbeiten viel mit Bildern, Bewegung, und Wiederholung. Das hilft beim Deutschlernen. Wir wiederholen Dinge immer wieder, bis sie gefestigt sind», sagt Spielgruppenleiterin Fränzi Wuest. 

Lieder werden immer wieder in den Ablauf des Nachmittags eingebaut: Das Zvieri beginnt ebenfalls mit einem Lied. Danach werden die Früchte einzeln gezählt. Erst zählen die Gruppenleiterinnen vor, dann werden die Kinder zum Mitzählen aufgefordert. «Die Sprachförderung findet bei uns alltagsintegriert statt. Wählt ein Kind eine Banane, verbinden wir die Handlung direkt mit Sprache und sagen: Jetzt nehmen wir eine Banane», erklärt die zertifizierte Fachperson für frühe Sprachförderung. Diese handlungsbasierte Sprachvermittlung wird überall eingesetzt: beim Ankommen, beim Jackenausziehen, beim Basteln am Tisch oder im freien Spiel. Die Kinder werden abgeholt, indem Sprache und Spiel möglichst eng miteinander verbunden werden. «Sprache soll dort stattfinden, wo die Kinder gerade sind», sagt Fränzi Wuest.

Verstehen vor Sprechen
«Wieviel Deutsch die Kinder in diesem Jahr lernen, ist so unterschiedlich und individuell wie die Kinder selbst», berichtet Spielgruppenleiterin Chantal Aschwanden, auch sie arbeitet bei den «Stärnli». Sie erinnert sich an ein Kind, das das ganze Jahr über nicht gesprochen und nur beobachtet habe. Am Abschiedsabend vor Kindergarteneintritt seien dann plötzlich ganze Sätze aus ihm rausgesprudelt.  «Daran sieht man, dass die Kinder alles aufsaugen wie ein Schwamm. Während einige gerne ausprobieren, haben andere Hemmungen, beim Sprechen Fehler zu machen.» Dafür brauche es viel Geduld, woran es der leidenschaftlichen Spielgruppenleiterin nicht mangelt. 

«Als Erstes sehen wir, dass die Kinder verstehen», berichtet Chantal Aschwanden aus ihrer Erfahrung. «Wenn wir den Wechsel vom Tisch in den Kreis oder umgekehrt sprachlich ankündigen und sagen: Jetzt gehen wir in den Kreis, oder: Jetzt gibt’s Zvieri, dann sieht man das Sprachverständnis an den Reaktionen der Kinder.» Während manche Kinder den Zugang zur deutschen Sprache schnell finden, brauchen andere etwas länger für die ersten deutschen Wörter. Einige Sprechen gerne nach, andere beteiligen sich zunächst nur mit Ritualen und Liedern. «Wir freuen uns sehr, wenn die Kinder anfangen zu sprechen. Dann motivieren wir sie, wiederholen ihr Gesagtes und sprechen nach.» So wird der Wortschatz erweitert und korrektives Feedback spielerisch eingebaut.

Sicherheit und Vertrauen
Seit im August 2024 die obligatorische Sprachförderung in der Spielgruppe von zwei auf drei halbe Tage erhöht wurde, hat sich viel verändert (siehe Infokasten). «Die Kinder lernen besser Deutsch und sprechen nach diesem Jahr deutlich mehr», sagt Fränzi Wuest. Durch diesen zusätzlichen halben Tag integrieren sich die Kinder zudem schneller in die Gruppe, was sich sehr positiv auf die Gruppendynamik auswirkt. Oft kommen Kinder in die Spielgruppe, die von ihren Eltern oder anderen primären Bezugspersonen kaum getrennt waren. Die grossen Ablöseprobleme wirken sich auch auf das Deutschlernen aus. «Solange sich die Kinder nicht sicher fühlen, können sie auch kein Deutsch lernen», fasst es die Spielgruppenleiterin zusammen. Vertrauen ist eine wichtige Voraussetzung für das Sprachenlernen – ­nicht nur in der Spielgruppe, sondern auch für die spätere Schulkarriere der Kinder. 

Sicherheit und Vertrauen spielen auch für einen möglichst erfolgreichen Start im Kindergarten eine zentrale Rolle. Auch wenn die Deutschkenntnisse unterschiedlich weit entwickelt sind, profitieren die Kinder von der Erfahrung aus dem obligatorischen Spielgruppenjahr. «Wir stehen gelegentlich im Austausch mit den Kindergartenlehrpersonen und erhalten positive Rückmeldungen», erzählt Fränzi Wuest. «In diesem Jahr geht es um mehr als Deutschlernen. Die Kinder lernen die Sprache kennen, aber auch Abläufe, Rituale und meist die erste Trennung von den Eltern.» Häufig werden mehrere Kinder gemeinsam aus der Spielgruppe in denselben Kindergarten eingeteilt. So legt das Jahr in der Spielgruppe die Basis für einen möglichst erfolgreichen Übergang in den Kindergarten – sprachlich, sozial und emotional.

Text: Maren Stotz, Foto: Grischa Schwank

Frühe Deutschförderung im Kanton Basel-Stadt

In der Spielgruppe «Stärnli» lernen Kinder Deutsch, die bisher kaum oder gar nicht mit der Unterrichtssprache in Kontakt gekommen sind. Für einen möglichst erfolgreichen Schulstart ist der Besuch einer Sprachförderspielgruppe, Kita oder Tagesfamilie im Jahr vor dem Kindergarteneintritt im Kanton Basel-Stadt für diese Kinder obligatorisch. Die Wirkung der frühen Deutschförderung ist wissenschaftlich belegt: Eine Studie der Universität Basel zeigt, dass Kinder ihre Deutschkenntnisse während des Förderjahres deutlich verbessern. Viele holen ihren sprachlichen Rückstand bis zum Kindergartenstart auf. Über 80 Prozent der Kinder verfügen dann über ausreichende Deutschkenntnisse.