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Mehr Freiheit für Englands Schulen?

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Ella Simms hat 17 Jahre lang an einer Primarschule in der Nähe von Bristol unterrichtet. Sie erzählt von grossen Klassen, sogenannten Teaching Assistants und einem Schulsystem, das sich in den vergangenen Jahren stark verändert hat.

Person auf Fahrrad auf ländlicher Strasse neben Steinmauer.
Das Velo begleitet Ella Simms beruflich und privat.

Fast zwei Jahrzehnte arbeitete Ella Simms an derselben Primarschule im Südwesten Englands. Die heute 59-Jährige unterrichtete vor allem Kinder im letzten Primarschuljahr. «Jede Schule hat ihr eigenes Ethos und fühlt sich anders an», sagt sie. «Wenn man in den Lehrberuf einsteigt, geht es auch darum, die richtige Schule für sich zu finden, eine Schule, die zu einem passt. Diese Schule passte zu mir, und ich habe sehr gerne dort gearbeitet.»

In England besuchen Kinder die Primarschule von vier bis elf Jahren. Sie beginnen in der Reception, einer Art Eingangsjahr vor der ersten Klasse. Am Ende des letzten Jahres stehen nationale Leistungstests in Englisch und Mathematik an. Simms unterrichtete meist diese Zehn- bis Elfjährigen. Ihre Schule war mit zwei Klassen pro Jahrgang durchschnittlich gross. In einer Klasse sassen rund 30 Kinder. Unterstützt wurden die Lehrpersonen von sogenannten Teaching Assistants. An Simms’ Schule teilten sich zwei Klassen in der Regel eine Assistenzperson. Sie unterstützte je nach Bedarf Gruppen oder arbeitete gezielt mit einzelnen Kindern. Bei höherem Unterstützungsbedarf wurden die Ressourcen entsprechend verschoben.

Eine Schule im Wandel
Als Simms an diesem Standort als Lehrerin begann, stand ihre Schule unter der Verantwortung der lokalen Schulbehörde. In ihren letzten Jahren an der Schule änderte sich das: Die Schule wurde Teil eines «Academy-Trusts». Das Academy-Modell gibt es in England seit Anfang der 2000er-Jahre. Die damalige Labour-Regierung führte Academies zunächst vor allem im Sekundarschulbereich ein, um leistungsschwache Schulen zu ersetzen und deren Leistungen zu verbessern. Ab 2010 weitete die konservativ-liberale Regierung das Modell auch auf Primarschulen aus. Ziel waren mehr Autonomie und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Schulen. Schulen eines Trusts können etwa Personal, Unterrichtskonzepte und Wissen teilen.

Simms’ Schule war jedoch alles andere als leistungsschwach: «Wir waren eine sehr erfolgreiche Schule und hatten bei der Ofsted-Inspektion die Bewertung ‹Outstanding› erhalten», erzählt sie. Ofsted, das Office for Standards in Education, Children’s Services and Skills, ist die staatliche Schulaufsicht in England. Sie beurteilt unter anderem die Qualität der Bildung sowie Führung und Management einer Schule. Die damalige Gesamtbewertung «Outstanding» war die höchste der vier Bewertungsstufen.

Ihre Schule habe den Wechsel deshalb lange vermeiden können, sagt Simms. Die Belegschaft sei stabil gewesen, die Fluktuation gering. «Es war eine sehr zufriedene Schule, sie war gut geführt und viele Mitarbeitende blieben lange.» Erst vor vier Jahren wurde die Schule schliesslich Teil eines Academy-Trusts.

«Man vertraute uns nicht mehr»
Simms erlebte den Wechsel kritisch. «Als wir Teil der Academy wurden, veränderte sich stark, wie die Schule geführt wurde.» Die Schulleitung wurde ausgewechselt. Entscheidungen wurden vermehrt für mehrere Schulen gemeinsam getroffen und Vorgaben vereinheitlicht. Die grössere Autonomie, die mit dem Academy-Modell verbunden wird, habe sie als Lehrerin deshalb nicht erlebt. «Es fühlte sich an, als würde einem gesagt, was man sagen und was man tun soll. Uns wurde als Fachpersonen nicht mehr vertraut. Das war für mich das Schwierigste.»

Die englische Regierung verbindet das Academy-Modell mit mehr Selbstständigkeit für die Schulen. Innerhalb eines Trusts können jedoch gemeinsame Vorgaben entstehen. Simms erlebte dadurch weniger Freiheit im Schulalltag. Der Wechsel war mit ein Grund dafür, dass sie die Schule nach 17 Jahren verliess.

Lehrerin, Sozialarbeiterin, Beraterin
Doch Simms erlebte nicht nur Veränderungen im Schulsystem. Auch gesellschaftliche Entwicklungen machten sich im Schulalltag bemerkbar. Sie habe beobachtet, dass Kinder mehr Unterstützung benötigten und weniger resilient seien als früher. Gleichzeitig hätten soziale und familiäre Themen im Schulalltag mehr Raum eingenommen. «Als Lehrperson ist man Sozialarbeiterin, Beraterin, Krankenschwester und Psychologin», sagt Simms. «Wenn man tatsächlich dazu kommt, eine Lektion ohne Unterbrechung zu unterrichten, dann ist das ein wirklich guter Tag.»

Auch das Verhältnis zwischen Eltern und Schule habe sich verändert. An ihrer Schule habe sie die Eltern als respektvoll und unterstützend erlebt. Insgesamt nehme sie aber weniger Respekt gegenüber Lehrpersonen wahr. Dazu hätten auch soziale Medien beigetragen. «Ein Elternteil beschwert sich in einer WhatsApp- oder Facebook-Gruppe über etwas, und dann kann sich das schnell hochschaukeln.»

Aktuelle Zahlen zeigen, dass nicht alle neu qualifizierten Lehrpersonen langfristig im staatlichen Schulsystem bleiben. Von den Lehrpersonen, die 2020 ihre Qualifikation erwarben, arbeiteten fünf Jahre später noch 67,4 Prozent an staatlich finanzierten Schulen in England. Simms selbst spricht die hohe Fluktuation ebenfalls an: «Wenn ich ein Unternehmen führen würde und so viele Mitarbeitende, in deren Ausbildung investiert wurde, wieder gehen, würde ich mich fragen: Warum passiert das?»

Trotzdem blickt Simms gerne auf ihre Zeit als Lehrerin zurück. «Ich bin sehr froh, dass ich Lehrerin geworden bin. Ich habe den Beruf geliebt.» Auch die grosse Mehrheit der Lehrpersonen, denen sie heute begegne, sei mit viel Engagement dabei. «Es ist nicht das Unterrichten der Kinder, das schwierig ist. Es ist alles andere.»

Neue Rolle
Von den Schulen hat sich Simms trotzdem nicht verabschiedet. Heute arbeitet sie für eine Organisation, die im Auftrag lokaler Behörden staatlich finanzierte Velokurse an Primarschulen durchführt. «Jedes Primarschulkind soll die Möglichkeit haben, Velofahren zu lernen», erklärt sie. Dafür besucht Simms zahlreiche Schulen im Raum Nottingham und erhält Einblick in ganz unterschiedliche Primarschulen. «Jede ist einzigartig und anders», sagt sie. Ihre neue Arbeit geniesst sie sehr: Der Stress sei deutlich geringer, sie verbringe viel Zeit draussen und erlebe die Kinder fast immer von ihrer besten Seite. Für sie sei die Arbeit heute «eine absolute Freude».

Text: Tamara Funck 

Schulen in England

Die meisten Kinder in England besuchen eine State School. Diese Schulen sind staatlich finanziert und kostenlos. Dazu gehören auch Academies, die von unabhängigen, nicht gewinnorientierten Academy Trusts geführt werden. Rund sechs Prozent der Schülerinnen und Schüler besuchen eine Private beziehungsweise Independent School, die in der Regel über Schulgebühren finanziert wird. Verwirrend ist der Begriff Public School: Damit sind nicht staatliche Schulen gemeint, sondern traditionell vor allem renommierte Privatschulen wie Eton oder Harrow. Homeschooling ist ebenfalls möglich. Im Herbst 2025 wurden rund 126'000 Kinder in England zu Hause unterrichtet, etwa 1,5 Prozent der Kinder im schulpflichtigen Alter.