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Erst orientieren, dann schnuppern

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Was interessiert mich? Und welcher Beruf könnte mir gefallen? Berufliche Orientierung (BO) beginnt lange vor dem ersten Schnuppertag oder dem Schreiben einer Bewerbung. Am Oberstufenzentrum Oberriet (OZO) im St. Galler Rheintal folgt die berufliche Orientierung einem klaren Fahrplan. Schulleiter Roland Wohlwend und Klassenlehrerin Jessica Gächter geben Einblick.

Zwei Personen stehen vor einem Bücherregal.
Klassenlehrerin Jessica Gächter und Schulleiter Roland Wohlwend arbeiten am Oberstufenzentrum Oberriet im St. Galler Rheintal.

Noch ist das berufliche Ziel offen, wenn die Schülerinnen und Schüler der Sekundar- und Realklassen in der ersten Oberstufe mit dem BO-Unterricht beginnen. Im Fokus stehen sie selbst mit ihren Stärken, Schwächen und Interessen. Verschiedene Berufe kennenzulernen, gehört ebenso dazu wie die Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten. Und zwar für alle: «Uns ist sehr wichtig, dass alle Jugendlichen – auch jene mit Interesse an weiterführenden Schulen – sich mit der beruflichen Orientierung und Berufen auseinandersetzen», sagt Jessica Gächter.

In der zweiten Oberstufe intensiviert sich die berufliche Orientierung und erhält entsprechend Platz im Stundenplan: Die Schülerinnen und Schüler besuchen gemeinsam kantonale, regionale und lokale Berufsmessen. Dort erhalten sie erste Einblicke in verschiedene Berufsfelder und kommen mit Ausbildungsbetrieben in Kontakt.

Auf dem Weg zur Berufswahl sind die Eltern wichtige Begleiter. Deshalb werden sie bewusst am Oberstufenzentrum Oberriet an einem Elternabend mit Workshops einbezogen. Jessica Gächter hebt hervor: «Unser Interesse als Schule ist es, dass die Eltern und Erziehungsberechtigten wissen, wo ihr Kind im Prozess der beruflichen Laufbahn steht.» Der Austausch soll dabei nicht mit dem Elternabend enden, so Schulleiter Roland Wohlwend. «Ziel ist, dass die Gespräche und der Diskurs zuhause am Küchentisch weitergeführt werden.»

Denn die Schule versteht sich als Begleiterin. «Was wir nicht vergessen dürfen: Die Berufswahl steht in der Verantwortung der Eltern. Wir als Schule können helfen und mit verpflichtenden Angeboten während der Schulzeit unterstützen. Aber schlussendlich unterzeichnen die Eltern mit ihrem Kind den Lehrvertrag», sagt Wohlwend.

Ein Fahrplan für die Berufsbildung
Viele Jugendliche im St. Galler Rheintal entscheiden sich nach der Oberstufe für eine Berufslehre, auch in Kombination mit einer Berufsmaturität. In der Region gibt es nämlich viele Betriebe und Unternehmen mit Lehrstellenangeboten. Am Oberstufenzentrum Oberriet können Schülerinnen und Schüler ab der zweiten Hälfte der zweiten Oberstufe schnuppern. Der Zeitpunkt ist für Roland Wohlwend bewusst gewählt: «Bis Mitte Oberstufe gibt es bei uns während der Schulzeit lediglich Tagespraktika, um eine breite Vielfalt an Berufen kennenzulernen. Mehrtägige Schnupperlehren sind erst ab dem zweiten Semester der zweiten Oberstufe möglich.» 

Dieser Fahrplan gilt nicht nur am OZO. Die Schulen im St. Galler Rheintal orientieren sich an einem regionalen Berufswahlkonzept, das die berufliche Orientierung in den Schulen vorgibt. Für den Schulleiter ist diese regionale Abstimmung entscheidend: «Ich glaube, es ist enorm wichtig, dass man sich als Schulen regional vernetzt, miteinander eine gemeinsame Haltung entwickelt und die berufliche Orientierung stark vertritt.»

Diese gemeinsame Haltung ist auch deshalb wichtig, weil Betriebe teilweise früh um potenzielle Lernende werben und auch im persönlichen Umfeld das Schnuppern früh an die Jugendlichen herangetragen wird. Die Schule will den Jugendlichen genügend Zeit für die Orientierung bieten und sie in der Lebensphase begleiten, in der sich Interessen und Vorstellungen noch stark verändern können.

Ab der dritten Oberstufe verlaufen die Wege der Jugendlichen zunehmend individuell. Während einige ihre nächste Station bereits kennen, sind andere noch auf der Suche nach einer passenden Anschlusslösung. «Als Lehrpersonen versuchen wir, die Motivation hochzuhalten, auch wenn es zu Absagen kommt», sagt Jessica Gächter. Am Ende der Oberstufe geht die Reise weiter: in eine Berufslehre, eine weiterführende Schule oder eine andere Anschlusslösung.

Text und Foto: Rebecca Küster