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Das magische fünfte Jahr

News

Clare McGarrity arbeitet seit 15 Jahren als Lehrerin im Norden des US-Bundesstaates New Jersey. Sie unterrichtet Jugendliche vor dem Übertritt an die Highschool in Naturwissenschaften mit den Schwerpunkten Physik und Chemie. Im Interview spricht sie über den Mangel an Lehrpersonen in den USA, ihre Leidenschaft für den Lehrberuf und die Digitalisierung als Herausforderung.

Person mit blonden Haaren in schwarzem Blazer vor blauem Hintergrund.

Zur Person

Clare McGarrity ist 37 Jahre alt und Lehrerin für Naturwissenschaften in einem wohlhabenden Schulbezirk im US-Bundesstaat New Jersey. Ihre Schülerinnen und Schüler sind zwischen 11 und 14 Jahre alt, das entspricht in der Schweiz in etwa der Sekundarstufe. Clare McGarrity arbeitet seit 15 Jahren in derselben öffentlichen Schule mit den Klassenstufen «K to 8» (Kindergarten bis 8. Klasse). Die Klassengrössen variieren zwischen 16 und 26 Schülerinnen und Schülern. Mit insgesamt rund 700 Schülerinnen und Schülern ist die Schule eher klein; pro Jahrgang besuchen etwa 100 Kinder die Schule.

Basler Schulblatt: Wir sprechen Anfang Juli kurz nach Schuljahresabschluss. Wie geht es Ihnen? 
Clare McGarrity: Es war ein verrücktes Semester, weil das Schuljahr länger dauerte als gewöhnlich. Wir mussten im Winter wegen eines Wasserrohrbruchs vorübergehend die Schule schliessen. Es war kräftezehrend für alle. Da ich bald unser zweites Kind erwarte, gab es für mich auch noch diverse Übergaben. Es fällt mir schwer, meine Klassen vorübergehend abzugeben, und mir ist wichtig, dass alles möglichst reibungslos verläuft, besonders für meine Schülerinnen und Schüler.

Übernimmt eine Stellvertretung?
Es ist hier sehr schwierig, eine langfristige Stellvertretung zu finden, besonders in spezialisierten Fächern wie Naturwissenschaften. Aber ja, die Schule hat eine passende Person gefunden. Bei meiner ersten Schwangerschaft war es noch schwieriger. Als Lösung wurde damals eine Lehrerin aus dem Ruhestand eingestellt, die für diese befristete Zeit an die Schule zurückkehren wollte. Wir leiden unter einem erheblichen Lehrpersonenmangel in den USA.

Wie kommt es zu diesem Mangel an ausgebildeten Lehrkräften?
Der Gesamtarbeitsvertrag für Lehrpersonen umfasst zwei grosse Vorteile: eine gute Rente und eine obligatorische Krankenversicherung. Die Prämien sind in den letzten Jahren um bis zu 30 Prozent gestiegen, und viele Schul
bezirke haben Mühe, diese Mehrkosten zu tragen. Zahlreiche Schulbezirke stehen deshalb unter finanziellem Druck und erfahren gleichzeitig einen Lehrermangel, insbesondere an spezialisierten Lehrpersonen. Die Situation ist derzeit sehr komplex.

Wie lange dauert Ihr gesetzlicher Mutterschutz?
Die staatlich begründete Mutterschaftszeit dauert sechs Wochen nach einer vaginalen Geburt und acht Wochen nach einem Kaiserschnitt. Zusätzlich gibt der Bundesstaat New Jersey eine zwölfwöchige «bonding period». Das ergibt total 18 bis 20 Wochen Mutterschaftszeit mit Kündigungsschutz. Die Schulsommerferien zählen nicht dazu. Also beginnt dieser bei mir offiziell erst ab dem 1. September.

Erhalten Sie einen regulären Lohn in dieser Zeit?
In New Jersey wird ein Teil der Mutterschaftszeit über ein staatliches Programm finanziert, das nur einen Teil des Einkommens ersetzt und nach oben begrenzt ist. Da ich während meiner gesamten Laufbahn im selben Schulbezirk gearbeitet und mein erstes Kind erst nach 30 bekommen habe, konnte ich viele Krankheitstage ansammeln. Diese kann ich einsetzen für eine volle Lohnfortzahlung während der Mutterschaftszeit. Für den restlichen Teil des Urlaubs erhalte ich Leistungen aus dem staatlichen Familienurlaubsprogramm.

Die Krankenversicherung gehört zu Ihrer Anstellung als Lehrperson dazu – ist das so in den USA?
Als ich mich für den Lehrerberuf entschied, war mir der grosse Unterschied im Krankenversicherungsschutz nicht bewusst. Dieser variiert je nach Beruf, Arbeitgeber und Versicherungsmodell stark. Auch wenn das Gehalt für Lehrpersonen nicht spektakulär ist, die Krankenversicherung macht vieles wett. Ich bekomme in ein paar Wochen ein Baby, ohne Spitalkosten zahlen zu müssen, andere bezahlen Tausende von Dollar dafür. 

Wenn wir konkret über das Gehalt sprechen, wie viel verdienen Sie als Lehrerin in Ihrer Position?
Das sind rund 95'000 US-Dollar pro Jahr – mit meinen 15 Jahren Berufserfahrung. In den USA richten sich die Löhne der Lehrpersonen nach einer ausgehandelten Lohnstufe, der Ausbildung und der Berufserfahrung. Wer den Schulbezirk wechselt, muss die Lohneinstufung neu verhandeln und hat keinen Anspruch auf dieselbe Lohnstufe.

Wie sind Sie auf den Lehrberuf gekommen?
Ich liebe die Beziehung zu den Jugendlichen. In meiner Schulzeit fühlte ich mich mit keiner Lehrperson verbunden, was traurig ist. Ich versuche deshalb auch, mit den schüchternen Jugendlichen eine Verbindung aufzubauen. Ausserdem machen die meisten Tage im Klassenzimmer Spass. Jeder Tag ist unterhaltsam und die Jugendlichen sagen immer wieder sehr komische Dinge. Die allgemeine Dynamik des Unterrichts gefällt mir sehr. Man könnte im Klassenzimmer filmen und die Fernsehserie wäre ein Erfolg!

Wie ist die Ausbildung zur Lehrperson in den USA aufgebaut?
Das College dauert vier Jahre. In den ersten beiden Jahren besucht man hauptsächlich Kurse zu Fachinhalten. Das dritte Jahr ist ebenfalls stark auf Fachinhalte ausgerichtet. Danach beginnt man mit einem Teilzeitpraktikum, in dem man hauptsächlich beobachtet. Das letzte Jahr am College besteht komplett aus einem Praktikum. Ich bin für mein Praktikum in die Niederlanden gefahren, das war ziemlich locker. Ich hatte einen Mentor und beobachtete im ersten halben Jahr hauptsächlich. Im zweiten Teil des letzten Jahres wird man dann langsam für Unterrichtsstunden eingesetzt. Bis zum Ende des Jahres sollte man im Wesentlichen allein unterrichten, unter Anleitung des Mentors, der weiter im Raum bleibt.

Wie war der Übergang ins Berufsleben?
Ich würde sagen, dass es nichts gibt, das auf die Realität im Klassenzimmer vorbereiten kann. Auch wenn man im College erste Stunden übernimmt, macht man dennoch die ganze Hintergrundarbeit noch nicht mit Notenvergabe, Elternarbeit oder Sonderschulsitzungen. Das erste Jahr als Lehrerin hat sich wie ein grosser Weckruf angefühlt.

Wie meinen Sie das?
Ich war knapp 21 Jahre alt, als ich anfing zu unterrichten. Der Start im Klassenzimmer war ein grosses Lernfeld für mich – auch mit dem geringen Altersunterschied. Es braucht einfach Zeit, bis man im Lehrberuf ankommt, Selbstvertrauen aufbaut, und sich vor Eltern und Kindern behaupten kann. Als junge Lehrerin bin ich durch einen steilen Lernprozess. Mein Professor im College hat einmal gesagt, dass man keine richtig gute Lehrperson ist, bevor man nicht fünf Jahre im Klassenzimmer verbracht habe. Wenn ich jetzt zurückblicke, sehe ich viel Wahrheit in dieser Aussage. Ich gewinne immer noch jedes Jahr Selbstvertrauen, aber es kommen auch immer neue Herausforderungen hinzu, die mich dazu bringen, mich wieder neu auszurichten.

Was ist heute die grösste Herausforderung an Ihrer Schule?
Die Digitalisierung ist wirklich ein Fluch. Jede Schülerin und jeder Schüler hat ein eigenes Schulgerät. Obwohl es hervorragende Bildungsplattformen gibt, merke ich, dass die Kinder süchtig sind und sich durch den Bildschirm sehr ablenken. Also fange ich jeden Tag mit einer kleinen Einstiegsfrage am Rechner an und nutze die Geräte nur noch für Tests. Die restliche Zeit liegen die Geräte hinten im Raum auf einer Ladestation. Die Jugendlichen können einfach nicht vertrauensvoll damit umgehen. Obwohl wir eine Software haben, die alle Einzelbildschirme anzeigt, kann ich nicht gleichzeitig überwachen und unterrichten. Das ist meine persönliche Lösung, weil ich der Meinung bin, dass wir das nicht brauchen. Als Schule merken wir viel zu langsam, was die Vor- und die Nachteile solcher Geräte sind. Ich habe mit anderen Lehrpersonen an unserer Schule gesprochen, die es nächstes Jahr auch so machen möchten wie ich.

Welche Auswirkungen beobachten Sie im Schulalltag? 
Die grösste Herausforderung ist der Rückgang an Aufmerksamkeit. Mit dem Computer ist alles so schnelllebig geworden. Wenn ich in der Schule praktische Experimente durchzuführen möchte, muss sofort etwas passieren, sonst verlieren die Jugendlichen das Interesse. Sie sind so impulsiv und haben sich an sofortige Ergebnisse gewöhnt. Experimente und Lerninhalte, die früher wirklich begeistert haben, funktionieren heute nicht mehr so gut und ich muss die Jugendlichen immer mehr mit Schockeffekten locken. Wenn sie sich inhaltlich angenähert haben, lieben sie es.

Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?
Ich war mein ganzes Berufsleben in derselben Schule und ich habe so viele Familien kennengelernt und mich in der Schulgemeinschaft eingebracht. Ich unterrichte leidenschaftliche gerne, aber ich würde mich auch in der Verwaltung sehen beim Erarbeiten der Lehrpläne beispielsweise. Ich würde gerne mehr Einfluss nehmen auf die Inhalte im Klassenzimmer. Ich liebe es auch, Lehrpersonen zu coachen und Feedback zu geben. 

Wenn Sie einen Wunsch hätten in Bezug auf den Lehrberuf, was wäre das?
Ich wünschte, ich könnte die Kritikerinnen und Kritiker der Schulen für einen Tag in meine Schuhe stecken. Sodass sie am eigenen Leib erfahren, wie es ist, sekündlich Entscheidungen zu treffen und mit all der Hintergrundadministration belastet zu sein. Der Alltag von uns Lehrpersonen ist sehr stressig. Das Erlebnis im Klassenzimmer könnte die Augen öffnen und zu einem breiteren Verständnis beitragen, was der Lehrberuf alles beinhaltet. Ich bin wirklich begeistert vom Lehrberuf und denke auch, dass es einer der erfüllendsten Berufe überhaupt ist. 

Interview von Maren Stotz

Schulfinanzierungen in den USA

Öffentliche Schulen in den USA werden durch lokale Grundsteuern (Property Taxes), Bundesgeldern und staatlichen Geldern finanziert. Die Gewichtung dieser einzelnen Finanzierungsquellen unterscheidet sich von Bundesstaat zu Bundesstaat. Da die Höhe der lokalen Steuereinnahmen vom Wert der Immobilien abhängt, verfügen Schulbezirke über unterschiedlich grosse finanzielle Mittel. Die Finanzierung durch die Bundesstaaten soll diese Unterschiede zwar teilweise ausgleichen, dennoch kann sich die Qualität der Schulanlagen, der Bildungsangebote und der verfügbaren Ressourcen von einem Schulbezirk zum anderen deutlich unterscheiden. Zwar gibt es auch Privatschulen, die oft sehr teuer sind. Öffentliche Schulen in wohlhabenden Gemeinden bieten jedoch häufig vergleichbar hochwertige Bildung und ein breites Bildungsangebot.