Sprachliche Hürden überwinden
Wie können Lehr- und Fachpersonen das Lernen ihrer Schülerinnen und Schüler sprachbewusst unterstützen? Vier Kernaussagen.
Wie kann ich Schülerinnen und Schüler beim Überwinden von sprachlichen Hürden unterstützen?
Für viele Schülerinnen und Schüler ist die Schule der wichtigste Ort, um die fürs Lernen notwendige Sprache zu erwerben. Lehrpersonen beobachten oft, dass Lernende Texte schlecht verstehen oder Sachverhalte unpräzise beschreiben. Hier hilft es, wenn Lehrpersonen Sprachkompetenzen gezielt mit ihnen aufbauen. So verschaffen sie ihnen einen fairen und herkunftsunabhängigen Zugang zu Bildung .
Schulerfolg hängt stark von bildungssprachlichen Fähigkeiten ab – und diese können nicht nur im Sprachunterricht aufgebaut werden. Sie werden in den Situationen erlernt, in denen sie benötigt werden, das heisst auch im Sach- oder Fachunterricht.
Der Lehrplan 21 zeigt, dass in allen Fächern und Zyklen zahlreiche Lernziele sprachliche Kompetenzen voraussetzen. Verben wie «beschreiben», «reflektieren», «erklären», «sich austauschen», «begründen», «verstehen» oder «benennen» zeigen: Sprache ist in jedem Fach zentral.
Damit alle Schülerinnen und Schüler Aufgaben bewältigen und lernen können, müssen sie sprachlich dazu in der Lage sein. Schülerinnen und Schüler können fachliche Lernziele nicht erreichen, wenn sie etwas nicht verstehen oder ihnen die sprachlichen Mittel fehlen, sich auszudrücken.
Sprachbewusste Lehrpersonen bestimmen in der Unterrichtsvorbereitung nicht nur die fachlichen Lernziele, sondern analysieren auch die sprachlichen Anforderungen. Nur wer die sprachlichen Schwierigkeiten einer Aufgabe kennt, kann geeignete Mittel zu deren Überwindung anbieten.
- Welche Wörter sind Schlüsselwörter und müssen eingeführt werden?
- Welche Fachbegriffe sollen alle Schülerinnen und Schüler lernen?
- Wie sieht eine Musterlösung aus und welche sprachlichen Mittel werden darin verwendet (Wortschatz, Satzanfänge, Formulierungen)?
- Welche Schwierigkeiten enthalten Texte auf Wort-, Satz- und Textebene?
- Welche Probleme stellt eine Schreibaufgabe (Textsorte, Formulierungen, Fachwortschatz)?
- Sind die Aufträge für alle Schülerinnen und Schüler verständlich formuliert?
Wenn Lehrpersonen die angestrebten Ergebnisse so formulieren, wie sie sie von den Schülerinnen und Schülern erwarten, wird sichtbar, welche Wörter und Formulierungen zentral sind.
Um den inhaltlichen Anforderungen gerecht zu werden, brauchen Sprachhandlungen im (Fach-)Bereich eine angepasste Bildungs- und Fachsprache. Sprachbewusst unterrichten heisst, den Schülerinnen und Schülern Hilfestellungen («Scaffolds») beim Aufbau dieser Bildungs- und Fachsprache anzubieten.
«Scaffolds» (Gerüste) sind temporäre Hilfen, die Lernenden helfen, Aufgaben möglichst selbstständig zu lösen. Sie überbrücken den Abstand zwischen aktuellem Lernstand und angestrebtem Entwicklungsstand (Lev Vygotsky nennt dies «Zone der nächsten Entwicklung»). Das Bild des Gerüsts zeigt: Unterstützung wird nur so lange angeboten, bis das dahinterliegende Gebäude stabil genug ist.
Sprachbewusst unterrichten heisst also explizit nicht, auf Fachsprache zu verzichten und zu simplifizieren, sondern – sportlich gesprochen – die Sprungtechnik zu trainieren, damit die fachlichen Hürden erfolgreich überwunden werden können. Und, um im Bild des Sports zu bleiben: Wer käme auf die Idee zu sagen, dass das Vermitteln der Sprungtechnik nicht Teil des Hürdenlauftrainings sei ...?
In jeder Unterrichtssituation den Fokus zusätzlich auf sprachliche Phänomene zu richten, bedeutet am Anfang einen Mehraufwand. Aber neben den Lehrpersonen, die damit immer souveräner umzugehen lernen, machen auch die Schülerinnen und Schüler Fortschritte und bewältigen fachliche Aufgaben mit den hinzugewonnenen Strategien und fachsprachlichen Kompetenzen leichter. Die zu Beginn investierte Zeit beschleunigt später das selbstständige Lernen der Schülerinnen und Schüler.
Wie ensteht aus einer Ansammlung grafischer Zeichen Bedeutung? Wie weiss man nach der Lektüre eines Harry Potter-Romans, wie die fiktive Internatsschule Hogwarts aussieht? In der Wissenschaft wird dieser Vorgang «Bilden eines Simulationsmodells» genannt. Wer als Leserin, Zuhörer, Schreiberin oder Sprecher geübt ist, wendet diese Strategien selbstverständlich an – Schülerinnen und Schüler müssen sie erst erwerben.
Damit Leseverstehen gelingt, müssen unterschiedliche Kompetenzen gezielt aufgebaut und geübt werden: von basalen Lesefertigkeiten (Buchstaben, Wörter und Sätze erkennen), die im Erstleseunterricht entstehen und weiter trainiert werden, bis hin zu flüssigem Lesen.
Doch das «technische» Lesen ist nur die Grundlage. Für das Verstehen müssen Schülerinnen und Schüler Vorwissen aktivieren, nutzen und Schlussfolgerungen ziehen. Wer über Wissen zu Inhalten und Textstrukturen verfügt, versteht Texte besser.
Hier hilft es, wenn Lehrpersonen nicht davon ausgehen, dass Lernende Texte «automatisch» verstehen. Im Unterricht werden oft neue Inhalte und Textsorten mit teilweise unbekanntem Fachwortschatz gelesen. Damit Verstehen gelingt, braucht es gezielte Anleitung, zum Beispiel die folgenden vier Leseschritte:
Leseschritt 1 – vor dem Lesen
- Allenfalls Schlüsselwörter, die für das Verstehen unabdingbar sind, klären
- Das Vorwissen aktivieren
- Eine Leseerwartung aufbauen und Leseziele klären
Leseschritt 2 – beim Lesen
- Text bearbeiten und explizit genannte Informationen finden
Leseschritt 3 – beim Lesen
- Textinhalte verarbeiten: Verschiedene Textteile aufeinander beziehen
- Implizite Inhalte finden
Leseschritt 4 – nach dem Lesen
- Das eigene Textverständnis überprüfen
- Den Inhalt mit dem eigenen Weltwissen in Verbindung bringen
- Das Gelesene beurteilen
Nicht alle Texte können mit den gleichen Lesestrategien erschlossen werden. Unterschiedliche Sach- und Fachtexte verlangen unterschiedliche Vorgehensweisen, je nachdem wie dicht sie formuliert sind. Deshalb können diese Strategien nicht einfach im Deutschunterricht vermittelt und auf alle Fächer übertragen werden.
Nicht alle Texte lassen sich mit denselben Lesestrategien erschliessen. Unterschiedliche Sach- und Fachtexte erfordern je nach sprachlicher Dichte unterschiedliche Vorgehensweisen. Diese Strategien können nicht einfach im Deutschunterricht vermittelt und auf alle Fächer übertragen werden. Fachlehrpersonen vermitteln die Strategien, die zu den Texten ihres Unterrichts passen.
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