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Sprache schafft Identität

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Der Unterricht in Heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) stärkt in Basel-Stadt die Erstsprache von Kindern und vermittelt dabei mehr als Grammatik und Wortschatz. Ein Besuch in der Primarschule Rittergasse gibt Einblicke in einen Unterricht, der Sprache und Identität verbindet.

Silvia Coelho spricht mit Schülern im Klassenzimmer.

«A romã: sabor intenso, saúde em cada grão», steht auf dem selbst gestalteten Werbeplakat von Ana. Auf Portugiesisch bewirbt sie vor ihrer Klasse die Vorteile des Granatapfels. «Sim», antwortet sie überzeugt auf die Frage, ob ihre Präsentation andere dazu anregen könne, mehr Früchte zu essen. Das Plakat sei sorgfältig gestaltet und zeige die Vorteile dieser vielseitigen Frucht auf. An diesem Montagnachmittag wird das Klassenzimmer des Portugiesisch-Unterrichts zum Parlament: Alle Kinder präsentieren ihre Fruchtplakate und verteidigen sie mit Argumenten. Unter Aufsicht der Parlamentspräsidentin werden Regeln eingehalten, Zwischenrufe geordnet und am Ende die drei besten Arbeiten gewählt.

Person in blau-weissem Pullover betrachtet Poster an der Wand.

Themenbasierter Projektunterricht
Im Portugiesisch-Unterricht an der Rittergasse geht es aktuell um Ernährung, Werbeversprechen und Überzeugungskraft. Das Parlament bildet den Abschluss zum Thema Lebensmittelwerbung: Die Schülerinnen und Schüler analysierten Werbungen und Inhaltsangaben, bevor sie eigene Plakate gestalteten. «Unser Portugiesisch-Unterricht ist mehr als klassischer Sprachunterricht», sagt Lehrerin Silvia Coelho. «Auch der Umgang mit digitalen Medien ist uns wichtig. Für die Recherche zur Lebensmittelwerbung haben die Kinder auch KI genutzt. Dabei begleiten wir sie und beurteilen auch die digitalen Arbeitsprozesse gemeinsam.» Die engagierte Lehrerin arbeitet eng mit ihrer Kollegin Onélia Jorge zusammen. Gemeinsam entwickeln sie eigene Unterrichtsmaterialien für einen themenbasierten Projektunterricht, wobei sich einzelne Themen jeweils durch ein ganzes Semester vertiefen lassen.

Heterogene Gruppen
Der Unterricht in Heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) richtet sich in Basel-Stadt an Kinder, die zu Hause eine andere Sprache als Deutsch sprechen. Portugiesisch ist eine von 39 angebotenen Sprachen, in denen die Kinder ihre Erstsprache vertiefen können. Für die HSK-Lehrpersonen ist der Unterricht anspruchsvoll: Er findet freiwillig und zusätzlich zum Regelunterricht statt, die Schülerinnen und Schüler kommen aus verschiedenen Schulstandorten und bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. «Die grösste Herausforderung sind die unterschiedlichen Niveaus und Hintergründe», sagt Lehrerin Onélia Jorge. In Ettingen beispielsweise unterrichte sie gleichzeitig auf Portugiesisch, Englisch und Deutsch, da einzelne Kinder kaum Portugiesisch sprechen, dafür Englisch als Muttersprachen besitzen. Dank des eigens entwickelten Unterrichtsmaterials sei es einfacher, in der heterogenen Gruppe zu unterrichten. Diese Unterrichtsmaterialien werden auf einem Server mit allen HSK-Lehrpersonen für Portugiesisch schweizweit geteilt. Die insgesamt 63 Lehrpersonen für Portugiesisch in der Schweiz sind beim portugiesischen Aussenministerium angestellt.

Mehrsprachigkeit als Ressource
Für die Lehrerinnen geht es im HSK-Unterricht nicht nur um Grammatik oder Wortschatz, sondern auch um Identität. «Was ich am meisten vermisse aus Portugal, ist die Sprache. Nicht das Essen, sondern die Sprache», sagt Onélia Jorge. «Über die Sprache passiert Identität. Sprache ist Heimat für mich.» Sprache löse Heimatgefühle aus und sei oft die direkteste Möglichkeit, Gedanken und Gefühle auszudrücken. Auch Daniel Aeschbach, Zuständiger für das HSK-Angebot am Erziehungsdepartement, betont, dass das Angebot zur Herkunftssprache weit mehr ist als ein Zusatzangebot neben der Schule. «Sprache hat viel mit Identität zu tun», sagt er. Mehrsprachigkeit sei heute eine wichtige Ressource: Kinder würden lernen, zwischen verschiedenen sprachlichen und kulturellen Welten zu navigieren, Sprachvergleiche zu machen und oft leichter weitere Sprachen zu lernen. «Es ist ein Reichtum, wenn man in zwei Kulturen zu Hause ist», so Aeschbach. Entsprechend stolz erzählen die Lehrerinnen von den Erfolgen ihrer ehemaligen Schülerinnen, die dank HSK-Unterricht für die höhere Ausbildung an die Universitäten von Viseu und Porto in Portugal aufgenommen wurden.

Mehr Vernetzung und Sichtbarkeit
Silvia Coelho und Onélia Jorge reisen einmal die Woche zusammen aus Zürich nach Basel und nutzen den gemeinsamen Nachmittag für den fachlichen Austausch. «Zu zweit sind wir weniger allein», sagt Silvia Coelho über ihren Arbeitsalltag als HSK-Lehrperson, die an mehreren Standorten unterrichtet und keinem festen Team angeschlossen ist. Mehr Austausch mit den Regelschulen würde sie sich dennoch wünschen. Sichtbarkeit schafft sie dort, wo es möglich ist – etwa indem die Plakate der Schülerinnen und Schüler in den Gängen des Schulhauses ausgestellt werden. «Eine bessere Verschränkung von HSK-Angebot und Regelschule ist unser Ziel», sagt Daniel Aeschbach. Dafür wurden auch Weiterbildungsangebote geschaffen, welche die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Angeboten stärken sollen. 

Hätten die HSK-Lehrerinnen einen Wunsch frei, wäre die Antwort klar: eine Note im Zeugnis. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten intensiv und mit viel Engagement, sagen die Lehrerinnen. Eine sichtbare Anerkennung ihrer Leistung würde den Unterricht zusätzlich aufwerten und die Motivation stärken. Sichtbarer werden soll damit nicht nur der Unterricht selbst, sondern auch die Mehrsprachigkeit der Kinder, die ihn besuchen.

Text und Fotos: Maren Stotz

Heimatlicher Sprach- und Kulturunterricht (HSK) Portugiesisch

Der HSK-Unterricht vermittelt Kindern die Sprache und die Kultur des Heimatlandes und festigt Kompetenzen in der Erstsprache. Silvia Coelho und Onélia Jorge sind zwei der insgesamt drei Lehrpersonen, die Basler Schülerinnen und Schülern Portugiesisch unterrichten. Als Beamte des portugiesischen Staates sind sie beim Aussenministerium respektive beim Camões-Institut angestellt. Insgesamt zählt das Lehrerkollegium der Koordinationsstelle für den Portugiesisch-Unterricht in der Schweiz im laufenden Schuljahr 63 Lehrpersonen. Der Portugiesisch-Unterricht orientiert sich an den Lehrplänen und Vorgaben von Portugal sowie am Rahmenprogramm HSK. Beide HSK-Lehrerinnen haben eine pädagogische Ausbildung abgeschlossen und leben in Zürich. Als HSK-Lehrerinnen sind Silvia Coelho und Onélia Jorge keinem pädagogischen Team angeschlossen. Sie unterrichten an verschiedenen Standorten über Basel-Stadt und Basel-Landschaft verteilt. Die Kinder besuchen den Portugiesisch-Unterricht möglichst nah an ihrem Wohnort, ausserhalb der regulären Unterrichtszeit. Der Besuch des HSK-Unterrichts Portugiesisch ist kostenlos. In der Regel bezahlen die Eltern einen Beitrag für den HSK-Unterricht. Jede Heimatsprache ist von anderen Trägerschaften organisiert. 

Deutsch für Mütter und Väter von Schulkindern

Gefestigte Deutschkenntnisse helfen Eltern, ihre Kinder im Schulalltag besser zu unterstützen. Das Angebot «Deutsch für Mütter und Väter von Schulkindern» (DMV) verbindet alltagsnahes Deutschlernen mit Themen rund um das Basler Schulsystem, die Rolle der Eltern in der Schule und anderen schulnahen Themen. Die Kurse finden an ausgewählten Schulstandorten statt und richten sich an fremdsprachige Eltern von Kindern des Kindergartens bis 6. Klasse. 

Neue DMV-Kurse starten aufs neue Schuljahr im August 2026 an verschiedenen Standorten in Basel-Stadt und Riehen. Folgende Primarstufen sind beteiligt: Bläsi, Brunnmatt, Dreirosen, Erlenmatt, Gellert, Gotthelf, Isaak Iselin, Insel, Kleinhüningen, Lysbüchel, Margarethen, Neubad, Niederholz, Peter, Rittergasse, Schoren, St. Johann, Vogelsang, Volta und Wasgenring. Lehr- und Fachpersonen mit Kontakt zu Eltern mit wenig Deutschkenntnissen können Familien auf das Angebot aufmerksam machen.