Über Bücherberge an die Uni
NewsVon der Fachmittelschule ins Studium: Die Passerelle ermöglicht mit einer Berufs- oder Fachmaturität den Zugang zu allen universitären und pädagogischen Hochschulen der Schweiz. Es gibt diese Ausbildung im Kanton Basel-Stadt seit 20 Jahren.

Leider kam die Meiose im letzten Sommer in der Abschlussprüfung der Passerelle nicht vor. Signe Amsted wäre bestens vorbereitet gewesen. «Wir haben das Thema am Whiteboard in der Unibibliothek eine Stunde lang aufgezeichnet und diskutiert, bis wir schliesslich alle drei den Unterschied zwischen diploid und haploid verstanden haben», erinnert sich die 21-Jährige an ihre Zeit mit der Lerngruppe in der Passerelle. «Wir haben ganze Ferien in der Unibibliothek verbracht und Zusammenfassungen geschrieben, die wir dann in der Lernphase für uns durchgearbeitet und zu dritt besprochen haben.»

Ein strukturiertes Vorgehen sei im Jahr der Passerelle unabdingbar: «Es kommt so viel Stoff im Verlauf von wenigen Monaten zusammen, da muss man eine Struktur finden, auf die man bei den Abschlussprüfungen zurückgreifen kann.» Das pragmatische und disziplinierte Vorgehen hat sich gelohnt. Signe Amsted studiert aktuell im ersten Semester Medizin und möchte Chirurgin werden. Das hat sie während ihrer Zeit an der Fachmittelschule (FMS) mit dem Schwerpunkt Pädagogik entschieden. Sie merkte damals, dass sie sich nicht so für den Beruf der Primarlehrerin erwärmen konnte wie ursprünglich gedacht. Sie besann sich auf ihr Flair für die Naturwissenschaften, auf die Begeisterung, die sie in der FMS beim Sezieren eines Tierherzens verspürt hatte, und entschied sich nach der Fachmaturität für die Medizin und damit den Weg über die Passerelle.

An die grosse Fülle von Stoff mag sich auch Michael Corpataux erinnern. Der 28-Jährige hat vor zehn Jahren die Passerelle durchlaufen. 16 Bücher seien es alleine im Fach Geschichte gewesen. Auch damals gab es Lerngruppen: «Es war cool, dass Leute aus ganz unterschiedlichen Richtungen zusammenkamen. Man hat sich ergänzt, wechselseitig Nachhilfe gegeben, Zusammenfassungen ausgetauscht.» Wie Signe Amsted interessiert sich auch Michael Corpataux stark für Naturwissenschaften. Nach einer Lehre als Chemie- und Pharmatechnologe (EFZ) bei Roche ging er mit einer technischen Berufsmaturität an die Passerelle und von dort aus für einen Masterabschluss in Physik weiter an die Universität Basel. Dieser Übergang sei harzig gewesen. «An der Uni kam ich auf die Welt. Es gab immer wieder Themen, die vorausgesetzt wurden, von denen ich jedoch noch nie gehört hatte», resümiert er rückblickend.
Brennen für die Physik
Positiv in Erinnerung ist ihm die Motivation der Lehrpersonen: «Sie brannten für ihre Fächer. Dass ich mich für Physik entschieden habe, liegt wohl auch an meinem damaligen Lehrer.» Zurzeit lässt sich Corpataux an der PH FHNW zum Gymnasiallehrer in den Fächern Physik und Mathematik ausbilden. Ein langer Weg liegt hinter ihm. «Ja, ich musste mich oft durchbeissen, aber es ist cool, dass jemand, der die Leistung für das Gymnasium früher nicht gebracht hat, auf diesem Weg an die Uni kann.» Den Einstieg über die Berufslehre wertet er positiv: «Es hilft im Leben, wenn man nicht immer nur in der Schule sitzt.»
Sandra Eggli leitet die Passerelle seit 2009. Zu Beginn sei der Widerstand gegen das Angebot vonseiten der Wirtschaft gross gewesen, mittlerweile gibt es jährlich vier bis fünf Klassen. «Es ist nicht die Meinung, dass jeder diesen Weg gehen und studieren soll», betont Eggli: «Aber junge Menschen, die erst etwas später den Knopf aufmachen, sollen die Möglichkeit bekommen, sich weiterzubilden.» Das Niveau sei hoch: «Wir nehmen innerhalb eines Jahres den gymnasialen Stoff von zweieinhalb Jahren durch. Es geht nicht nur um Fleiss, sondern auch um Verstand.» Die Durchfallquote bei der Abschlussprüfung ist hoch. Sie lag in diesem Jahr bei 38 Prozent. Im vergangenen Schuljahr waren es 25 Prozent. «Es hilft, wenn man ein klares Ziel vor Augen hat. Sonst fehlt die Motivation. Es braucht sehr viel Disziplin», fasst Eggli zusammen. Sie selber unterrichtet Mathematik. Sie komme sich oft mehr als Coach denn als Lehrperson vor. «Meine Stunden gleichen Vorlesungen an der Uni. Aufgrund der grossen Menge an Stoff habe ich gar keine andere Wahl. Gleichzeitig ist es meine Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, wenn es einmal nicht so gut läuft.»
Text und Porträtbilder: Charlotte Staehelin, Aussenaufnahme: Andi Cortellini
20 Jahre Passerelle
Seit 2005 wird im Kanton Basel-Stadt die Passerelle angeboten. Die Ausbildung ist dem Gymnasium Kirschgarten angegliedert, dauert ein Jahr und ermöglicht den Zugang zu allen universitären und pädagogischen Hochschulen der Schweiz. Zugelassen sind Schülerinnen und Schüler mit einer Berufsmaturität und dem Notenschnitt von 4,8 oder (seit 2017) mit einer Fachmaturität, bei der die Noten in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch ein Total von 14,5 Punkten ergeben. Im Unterricht gilt eine Präsenzpflicht von 80 Prozent. Die Passerelle ist national geregelt. Das Gymnasium Kirschgarten unterhält Partnerschaften mit der Luzerner Maturitätsschule für Erwachsene und mit der Interstaatlichen Maturitätsschule für Erwachsene in St. Gallen. Die drei Schulen schreiben gleichzeitig identische Prüfungen, welche die Lehrpersonen auch gemeinsam erstellen.
Infoveranstaltung (online): Dienstag, 3. Februar 2026, 18 Uhr.
Der Link ist am Tag selber auf der Website der Passerelle zu finden.