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«In Übergängen stecken auch Freiräume»

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Sibylle Raoult ist die Rektorin des Zentrum für Brückenangebote (ZBA). Es wurde vor 25 Jahren gegründet für Schülerinnen und Schüler, denen der direkte Übertritt in die berufliche Grundbildung oder der Eintritt in die Wunschschule der Sekundarstufe II noch nicht gelungen ist. Ein Gespräch über die Eigenverantwortung, die die Jugendlichen mitbringen müssen, und die Chancen dieses Brückenangebots.

Porträt von Sibylle Raoult
Sibylle Raoult ist Rektorin des Zentrum für Brückenangebote.

Basler Schulblatt: Ist das ZBA ein Sammelbecken, für alle unentschlossenen Jugendlichen, die keinen Plan haben?
Sibylle Raoult: Natürlich steckt ein Kern Wahrheit in dieser Auslegung. Es gibt das ZBA, weil der direkte Übertritt von der obligatorischen Schulzeit in die Lehre oder Sek II nicht gelingt. Diese Geschichte kann man auf unterschiedliche Arten erzählen. Der einfachste Erzählstrang ist, zu sagen: Weil es einen Fehler im System gibt, braucht es das ZBA. Tatsächlich sind wir eine Zwischenlösung für Jugendliche und junge Erwachsene, für die der Schritt ins Berufsleben noch zu früh ist.

Was bleibt dabei ungesagt?
Man wird der Gesellschaft so nicht gerecht. Diese Aussage ist zu undifferenziert. In einer idealen Welt wäre der Übertritt von der Sekundarschule ohne Zwischenschritt möglich. Was passiert aber mit all den Jugendlichen, die noch sehr jung sind? Die sich mit 15 Jahren für einen Beruf entscheiden müssen, denen aber die nötige Reife fehlt? Die Jugendlichen müssen wissen, was ihr nächster Schritt ist, und dann sollte dieser auch möglichst nachhaltig sein. Und genau da wird unser Auftrag interessant. 

Was ist der Auftrag?
Wir fangen auf, um zu begleiten. Wir können viel Einfluss nehmen, beispielsweise in die Persönlichkeitsentwicklung, und dort stärken, wo negative Erfahrungen aus der Schulzeit zum Hindernis geworden sind. Wir haben viele Schülerinnen und Schüler, die einen Rucksack mitbringen voller Glaubenssätze wie: Ich kann das nicht, ich werde es nicht schaffen, ich bin schlechter als ... Wir gehen davon aus, dass die Jugendlichen alles mitbringen. Es ist wichtig, dass sie ihr eigenes Potenzial erkennen und lernen, dieses zur Realisierung ihrer Ziele einzusetzen. 

Welche Rolle hat das ZBA dabei?
In Übergangslösungen stecken auch immer Freiräume. Das ZBA bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, erst anzukommen und durchzuatmen und zu realisieren, dass die obligatorische Schulzeit abgeschlossen ist.  Viele Jugendliche entdecken bei uns ein bisher unbekanntes Potenzial. Das freut mich immer besonders. Sie sammeln Erfahrungen, auch Sinneserfahrungen, die das Herz öffnen und die Seele ansprechen und Kraft von innen heraus freisetzen.

Welches ist der schulische Rahmen dabei?
Es gibt eine Lektionentafel und wir investieren nochmals gründlich in die Grundbildung. Die Grundkompetenzen sollen gefestigt werden, sodass sich die Jugendlichen in der Berufsfachschule solide fühlen können. Das ZBA ist aber nicht da, um in nur einem Jahr alle schulischen Lücken zu füllen oder Defizite aufzuarbeiten. Es geht darum, den Jugendlichen Strategien mitzugeben, wie sie die Lehrzeit trotz unterschiedlich gefülltem Schulrucksack an Wissen und Erfahrung erfolgreich absolvieren können.  Am ZBA werden fachliche und überfachliche Kompetenzen trainiert. Und mit dem Erwerb von praktischen Erfahrungen steigt die Chance auf einen erfolgreichen Einstieg in die berufliche Grundbildung.

Welche Chancen eröffnet dieses Vorgehen den Jugendlichen?
Muster zu brechen, Glaubenssätze zu sprengen und neue Erfahrungen zu sammeln. 

Wie wird das erreicht?
Wir setzen bei der Sinnhaftigkeit an. Die Jugendlichen sollen selbst erkennen, warum sie sich etwas aneignen und dass es ihnen für ihre Laufbahn und das Leben etwas bringt. Sie sollen ihren eigenen Motor anwerfen. Aus der intrinsischen Motivation heraus soll aus dem «Müssen» ein «Wollen» werden. Es geht nicht darum, ein Wunschprogramm anzubieten. Sie sollen die Komfortzone verlassen. Es muss allerdings sichtbar werden, wieso sich dieser Weg lohnt, der manchmal steinig ist. 

Wie werden die Jugendlichen motiviert?
Bei uns steht die Berufswahl im Vordergrund, als nachhaltige Anschlusslösung. Das ist das Unterrichtsprinzip und allen Fächern übergeordnet. Wenn ein Jugendlicher noch nicht weiss, was er möchte, kann es auch für die Lehrpersonen herausfordernd sein, diesen Moment gemeinsam auszuhalten. Dann schauen wir uns an, wofür wir das machen und ob das für die Jugendlichen auf ihrem Weg nützlich ist. Sie sollen ihre Selbstwirksamkeit spüren und Verantwortung für sich tragen können. Wir gehen davon aus, dass sie Experten in eigener Sache sind, und wir nehmen sie in ihre Pflicht. Dieses «Nicht-mitdenken-Müssen» ist komfortabel. Wenn man seinen eigenen Lernprozess plötzlich mitgestalten darf, kann sich das nicht nur bequem anfühlen.

Welche Voraussetzungen braucht es dafür?
Wir setzen auf Kooperationsbereitschaft. Die Schlüsselfrage ist: Wie schaffen wir es, dass eine Schülerin am Morgen aus dem Bett kommt, um pünktlich zu uns in die Schule zu kommen? Wir befinden uns im nachobligatorischen Bereich und es besteht keine Schulpflicht mehr. Es ist ein freiwilliges Angebot, aber für die Schüler fühlt es sich an wie ein Müssen. Wir versuchen, die Jugendlichen möglichst nah zu halten, und sind auf Kooperation angewiesen. Wir haben es mit angehenden Erwachsenen zu tun und dürfen sie nicht pampern. Sie müssen Eigenverantwortung zeigen. Da treffen wir natürlich auf total unterschiedliche Entwicklungsstadien.

Das ZBA hat dieses Jahr sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert. Worauf sind Sie stolz?
Auf jede einzelne Erfolgsgeschichte. Wir sind stolz, dass wir auffangen und begleiten können. Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen ein zusätzliches Schuljahr brauchen, haben uns geschrieben, dass unser Angebot sich für ihre Biografie als wichtig erwiesen hat. Ich freue mich bei jedem einzelnen Jugendlichen, wenn ich ihn sagen höre, dass er gestärkt aus diesem Schuljahr rausgeht.

Interview von Maren Stotz, Foto: Grischa Schwank

Zur Person

Sibylle Raoult ist seit 2020 Rektorin des Zentrum für Brückenangebote Basel-Stadt, nachdem sie dort bereits seit 2018 als Konrektorin tätig war. Seit drei Jahrzehnten engagiert sie sich für Brückenangebote, zunächst im Kanton Zürich, seit 2018 in Basel. Zu ihren zentralen strategischen Anliegen gehört es, das ZBA zu einer zukunftsfähigen Schule weiterzuentwickeln: mit Strukturen, die schnelle Reaktionen ermöglichen und gesellschaftliche Veränderungen agil aufnehmen. Damit stärkt sie das ZBA als verlässlichen Partner auf dem Weg zum nationalen Ziel, dass 95 Prozent der 25-Jährigen einen Abschluss auf Sekundarstufe II erlangen.