«Das System ist relevant»
NewsSeit August 2025 sind an der Primarstufe Gellert neue Fördermassnahmen umgesetzt. Erste Erfahrungen und Einblicke in ein System, das mit viel Engagement vom Team vor Ort getragen und gelebt wird.

«Ich verstehe die Flächenmasse» oder «Ich arbeite sorgfältig» – so steht es auf den Zetteln in Emilias Ressourcenglas aus der 6. Klasse. Als Abschluss eines Vormittags sammeln die Kinder der Fördergruppe ihre individuellen Lernergebnisse und legen sie in ihrem persönlichen Ressourcenglas ab. Über ein Quartal hinweg, in dem die Kinder die Fördergruppe besuchen, wächst darin eine Sammlung an Erfolgserlebnissen. «Eines der Hauptziele ist, dass sie sich reflektieren. Das Erkennen der eigenen Lernerfolge ist zentral», kommentiert Jacqueline Hohmann, die die Fördergruppe an der Primarstufe Gellert ins Leben gerufen hat. Damit arbeite sie gegen den Alltagsfrust. «Viele lernschwache Kinder in der Fördergruppe nehmen sich selbst sehr defizitorientiert wahr», beobachtet die erfahrene Heilpädagogin. «In der Fördergruppe beschäftigen wir uns bewusst mit kleinen Aufgaben, um Überforderung zu vermeiden.» Neben der Arbeit mit Kindern berät sie auch deren Klassenlehrpersonen. «Alle beteiligten Lehr- und Fachpersonen können einen Beitrag leisten, etwa indem Unterrichtsmaterial angepasst wird. Manchmal braucht es etwas Mut», weiss Jacqueline Hohmann aus Erfahrung, «doch der Aufwand ist meist gar nicht so gross.»

Fördergruppe
Im August 2025 konnte die neue Fördergruppe als Folge des Massnahmenpakets zur Weiterentwicklung der Integrativen Schule umgesetzt werden. Die zusätzlichen Ressourcen für eine altersdurchmischte Fördergruppe haben bei Jacqueline Hohmann viele Gedanken ausgelöst: Was braucht es für ein ergänzendes Angebot, damit die Förderung möglichst wirkungsvoll bei den Kindern ankommt, und wie lässt sich dieses sinnvoll in den Schulalltag integrieren? «Ich habe ein Konzept für ein stabiles, punktuelles Angebot erarbeitet, das wir nun mit Unterstützung der Schulleitung umsetzen konnten.» An der Primarstufe Gellert gibt es heute zwei feste altersdurchmischte Fördergruppen für die 1. bis 3. Klassen sowie für die 4. bis 6. Klassen mit jeweils sechs Plätzen. Die Kinder besuchen die Fördergruppe für die Dauer eines Quartals an zwei halben Tagen pro Woche. «Damit schaffen wir Sicherheit – zuerst für die Kinder, die sich auf die feste Gruppe einlassen und dort ankommen können. Aber auch für die Lehrpersonen, die mit der restlichen Klasse weiterarbeiten», erklärt Jacqueline Hohmann. «Mit der Fördergruppe sollen die Kinder, die Lehrpersonen und auch das Klassensetting gestärkt werden.»
Schulinsel
Sicherheit ist auch ein zentraler Aspekt der Schulinsel, die an der Primarstufe Gellert für Kinder mit herausforderndem Verhalten eingerichtet wurde. Sie bietet sowohl den Lehrpersonen Unterstützung und Stabilität als auch den Kindern einen Rahmen, in dem sie gesehen und begleitet werden können. Am Anfang eines Schulinsel-Einsatzes steht die Anmeldung durch die Klassenlehrperson. Darauf folgt ein Klassenbesuch durch eine Person aus dem Team der Schulinsel. Nach diesem Erstkontakt erfolgt die Fallführung in enger Absprache mit der Schulleitung. «Dabei entscheiden wir über die Aufnahme in die Schulinsel entweder mobil – das heisst, jemand aus dem Inselteam geht in die Klasse – oder separativ, wenn ein Kind für eine gewisse Zeit in der Schulinsel aufgenommen wird», erklärt Michael Pflugshaupt, Schulleiter der Primarstufe Gellert.
Elternarbeit
Im Konzept für einen separativen Aufenthalt eines Kindes in der Schulinsel sind maximal sieben Wochen vorgesehen. Die Praxis hat aber gezeigt, dass eine flexible Handhabung erforderlich ist. «Mit dem Einverständnis der Eltern passen wir dieses interne Unterstützungsangebot den Bedürfnissen des Kindes an», berichtet der Schulleiter aus der bisherigen Erfahrung. Die Anpassungen am Konzept werden während der Fallführung in Absprache aller Beteiligten vorgenommen. «Der Schlüssel liegt auch in der engen Zusammenarbeit mit den Eltern», betont Raphael Oneta, Leiter der Schulinsel. «Wir stehen im engen Austausch und telefonieren einmal wöchentlich mit den Eltern, um Erfahrungen auszutauschen und die Entwicklung mit dem Zuhause abzugleichen.» Die Schulinsel bietet dem pädagogischen Team die Möglichkeit, mit der Mikrolinse auf die Ressourcen und Stärken der Kinder zu schauen und gezielt in einem Einzelsetting zu arbeiten.
Weiterentwicklung
Die Rückmeldungen aus der ersten schulinternen Evaluation zur Schulinsel fasst Schulleiter Michael Pflugshaupt «überwiegend positiv» zusammen: «Die Erfahrungen aller Beteiligten nehmen wir ernst. So haben wir die Einsätze der Schulinsel im Kindergarten verlängert, womit wir einem Wunsch aus dem Kollegium nachgehen.» Weitere Anpassungen am Konzept der Schulinsel betreffen die Erweiterung der Nachbetreuung durch die mobile Schulinsel um zusätzliche fünf Wochen. Auch der Gaststatus wurde auf Rückmeldungen der Lehrpersonen hin eingeführt. Er ermöglicht Kindern, die bereits einmal in der Schulinsel waren, spontan einen Tag in der Insel zu verbringen. «Für die Lehrpersonen ist der Gaststatus ein Plan B. Er bietet eine Lösung, wenn kurzfristig nichts mehr geht, und bringt damit Entlastung und Ruhe. Und die Kinder kommen gerne», weiss Andres Bomatter, der seit August 2025 in der Schulinsel arbeitet. Für die Anpassungen und Weiterentwicklungen der Angebote ist eine enge Zusammenarbeit mit der Fachschaft Förderung, der Steuergruppe und dem gesamten Kollegium notwendig. Entsprechende Austauschformate sind fest eingeplant und erfordern viel Zeit und Aufmerksamkeit. «Der Prozess ist nicht abgeschlossen. Die Angebote entwickeln sich laufend weiter», reflektiert Michael Pflugshaupt. «Im Zentrum steht für uns, dass wir die Kinder und die Lehrpersonen stärken, damit der Weg zurück in die Klasse gefunden werden kann.» Alle Beteiligten der Förderangebote sind sich einig, dass die Rückführung der Kinder in ihre Klasse die grösste Herausforderung darstellt. Denn die Unterstützung soll nachhaltig wirken.
Gemeinsamkeiten
Verlängerte Einsätze der mobilen Schulinsel, Gaststatus oder auch Coachings für Lehrpersonen: Es ist von Schülerin zu Schüler unterschiedlich, was es braucht. «Das System ist relevant», bringt es Raphael Oneta auf den Punkt. «Es darf nicht sein, dass das Kind einfach sieben Wochen bei uns abgestellt ist. Das Team der Schulinsel begleitet die Lehrpersonen, dazu gehört auch die Unterrichtsentwicklung. Der Fokus auf die Reintegration muss gestärkt werden, wenn wir ein Stück weiterkommen möchten.» Damit ist eine zentrale Gemeinsamkeit aller Förderangebote an der Primarstufe Gellert benannt. Die Schulinsel und die Fördergruppe sind eng verzahnt mit der Begabungs- und Begabtenförderung unter der Leitung von Udo Müller. Gemeinsam ist ihnen die Arbeit mit Kindern mit speziellen Bedürfnissen und die kontinuierliche Frage, welches Setting für die Kinder das richtige ist. Da Zweifachaussergewöhnliche (Twice Exceptionals) keine Ausnahme sind, ist eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten unerlässlich. Der Besuch an der Primarstufe Gellert zeigt, wie viel Arbeit und Engagement in das gemeinsame Ziel fliessen, damit einzelne Kinder ihren Platz im Klassenverband wiederfinden.
Text: Maren Stotz, Fotos: Grischa Schwank
Förderangebote in der Primarstufe Gellert
Alle Beteiligten der Fördergruppe, der Schulinsel sowie der Begabungs- und Begabtenförderung arbeiten als ein pädagogisches Team eng zusammen. Mehr Informationen über die einzelnen Förderangebote und die Vernetzung sind auf der Schulwebsite zu finden.