Eine gemeinsame Sprache finden
NewsDie Unterstützte Kommunikation (UK) erlebt mit der Digitalisierung einen Aufschwung. Ein Pilot an der Sekundarschule Sandgruben Spezialangebote (SpA) mit iPads zeigt erste Erfolge für betroffene Schülerinnen und Schüler sowie für Lehrpersonen.

Der Stundenplan der Klasse Q ist strukturiert; weitaus strukturierter als der einer Regelklasse. «So findet alles Unvorhergesehene Platz», berichtet Maja Roser, Heilpädagogin der Klasse Q. «Und Unvorhersehbares gibt es Vieles. Jeder Tag ist anders, wir müssen flexibel sein.» Daher liebe sie ihren Job so. Sie sei in all ihren multiprofessionellen Rollen gefragt und gefordert.
Struktur und Orientierung
In der Klasse Q lernen Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Klare Strukturen geben Orientierung im Schulalltag und vermitteln Sicherheit. Stunden- und Ablaufpläne schaffen Vorhersehbarkeit. Die Jugendlichen erkennen darauf, wer krankheitsbedingt fehlt, was als Nächstes ansteht oder welche Besonderheiten das Tagesprogramm bereithält. Heute ist es der Besuch des Basler Schulblatts.
Nach der ersten Aufregung über die Gäste beginnen die Schülerinnen und Schüler selbständig zu arbeiten. Dafür stehen ihnen Türme aus farbigen Boxen zur Verfügung. Aus den Schubladen entnehmen sie ihre individuellen Aufgaben, teilweise in Klettmappen, die auch bei körperlichen Beeinträchtigungen gut genutzt werden können. Gearbeitet wird immer nach demselben Prinzip: von links nach rechts, von oben nach unten. Diese klare Struktur hilft den Schülerinnen und Schülern, sich möglichst selbständig zu orientieren, was ein zentrales Ziel des Unterrichts ist.
Sprachliche Hürden
Nach dem selbständigen Arbeiten folgt der Morgenkreis. In der Vorstellungsrunde beantworten wir die interessierten Fragen der Schülerinnen und Schüler zu unseren Hobbies, Vorlieben und Ferienplänen. Auch die Kamera des Schulblatt-Fotografen wird neugierig ausprobiert. Der Reihe nach stellen sich die Jugendlichen vor und wir erfahren von Diskobesuchen am Wochenende oder der Türkei, dem Herkunftsland eines Schülers. Die sprachlichen Hürden bei der Formulierung einfacher Sätze werden dabei sichtbar und sind vielfältig. Einigen fällt es schwer, die passenden Wörter zu finden, andere haben kognitive Barrieren und wieder andere stolpern über mangelnde Deutschkenntnisse. Mit dem iPad in der Hand gelingt das Formulieren einfacher. In der Symbolbibliothek von Meta Talk finden die Schülerinnen und Schüler ein Motiv, tippen es an und lassen es aussprechen.
Meta Talk ist eine App für Unterstützte Kommunikation (UK), die dank der neuen iPads im Unterricht eingesetzt werden kann. UK kann den Alltag von neurodivergenten Kindern sowie Kindern mit geistigen oder kognitiven Beeinträchtigungen erleichtern, aber auch von Kindern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Meta Talk nutzt die Symbole von METACOM, die im Schulzimmer auch analog präsent sind. «Wir nutzen die METACOM-Symbole einheitlich», erklärt Maja Roser. «Auch in der Parallelklasse wird mit UK gearbeitet. METACOM wird auch in der Anschlusslösung im BO Plus genutzt, wo viele unserer Schülerinnen und Schüler hinkommen.» Die Idee dahinter ist einfach: eine gemeinsame Sprache zu finden und Jugendlichen mit eingeschränkter Lautsprache das Sprechen zu ermöglichen.
METACOM
METACOM ist ein bekanntes Symbolsystem für die Unterstützte Kommunikation. Es hilft Menschen, die nicht oder nur eingeschränkt sprechen können, sich auszudrücken. Mit über 17’000 klaren, leicht verständlichen Bildern und Piktogrammen werden Wörter, Gefühle und Handlungen visualisiert. Die Symbole werden als Bildkarten, auf Kommunikationstafeln oder Tablets genutzt.
Vielseitige Möglichkeiten
Seit Anfang Jahr sind die zehn iPads im SpA Sandgruben im Einsatz. Die neuen Geräte eröffnen vielfältige Möglichkeiten: «In der Parallelklasse nutzt ein Schüler das iPad auch zur Regulierung seiner Emotionen. Bisher war sein Unmut mit lautem Fluchen für alle hörbar, wodurch der Unterricht immer wieder gestört wurde», berichtet Maja Roser. Jetzt drücke er auf die METACOM-Symbole mit den Fluchwörtern, die dann leise ausgesprochen werden. Dadurch wird der Unterricht deutlich weniger gestört. Das iPad mit der Meta-Talk-App helfe allen betroffenen Jugendlichen mit eingeschränkter Lautsprache, ihre Gedanken zu ordnen, Wünsche zu äussern und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen. Maja Roser hat die Anschaffung der iPads für das SpA Sandgruben angeregt, weil die Zahl Schülerinnen und Schüler im SpA Sandgruben mit Schwerpunkt Lebenspraxis steigt, die auf UK angewiesen sind. Auch sind Meta Talk und andere spezifische Lernapps über das Edubs-Book nicht nutzbar. Welche weiteren Apps den Unterricht sinnvoll ergänzen, müsse laufend geprüft werden. «Die Geräte sind jetzt da und jetzt sind wir am Ausprobieren», freut sich Maja Roser. «Die neuen Möglichkeiten sind vielseitig und machen Spass.»
Vorbild sein
Viele Schülerinnen und Schüler des SpA Sandgruben kennen digitale Geräte aus ihrem privaten Umfeld und haben keine Berührungsängste. «Sie lernen schnell und erkennen den Nutzen der Geräte rasch. Wichtig ist, dass auch wir Lehrpersonen in der Nutzung der Geräte zu Vorbildern werden», weiss die erfahrene Heilpädagogin der Klasse Q. «Um diese Vorbildrolle im Sinne des Modeling-Ansatzes wahrnehmen zu können, müssen wir Lehrpersonen viel ausprobieren.» Dafür müsse man die Geräte auch mit nach Hause nehmen, sie den Bedürfnissen entsprechend einrichten, sie im Unterricht einsetzen und anschliessend überlegen, was sich bei wem in welcher Situation bewährt hat. Die Schülerinnen und Schüler sollen im Unterricht vermehrt erleben, wie Lehrpersonen die digitalen Hilfsmittel einsetzen, damit sie deren Nutzen für sich erkennen. Auch die Porta-Gebärden werden von den Lehrpersonen bewusst vorgemacht – als Angebot für Jugendliche, die sie für ihren eigenen Ausdruck übernehmen möchten. Maja Roser bringt es auf den Punkt: «Es ist wie bei Französisch-Formeln: Du musst besser sein als deine Schülerinnen und Schüler, um Französisch unterrichten zu können.»
Erfahrungen sammeln
Seit der Anschaffung der iPads nehmen immer mehr Lehrpersonen am SpA Sandgruben die Geräte in die Hand und probieren Neues aus. Maja Roser betont, dass der Austausch im Kollegium wichtig ist. «Wir müssen unsere Erfahrungen austauschen, um herauszufinden, was Sinn macht, wie wir Kosten minimieren können und was unsere Kolleginnen und Kollegen an anderen Standorten erfolgreich einsetzen.» Die erfahrene Heilpädagogin ist vom Start der iPads begeistert. Zwar stehe man noch am Anfang und vieles werde erst im Schulalltag erprobt. Doch schon heute zeige sich, wie gross das Potenzial der digitalen Hilfsmittel für die UK ist. Die ersten Erfahrungen machen Mut: Sie erleichtern nicht nur die Verständigung, sondern eröffnen den Schülerinnen und Schülern neue Möglichkeiten, selbständig am Unterricht teilzunehmen.
Text: Maren Stotz, Foto: Grischa Schwank
Weiterbildung für Lehrpersonen
Das PZ.BS bietet Kurse an zum Einsatz von iPads in der Unterstützten Kommunikation. Dabei werden die wichtigsten Kommunikations-Apps vorgestellt, darunter auch Meta Talk. Nächster Kurstermin ist am 30. Oktober 2026 (Anmeldung bis zum 18. September):