«Es gibt nicht das eine ideale Bildungssystem»
NewsBildungssysteme sind geprägt von Geschichte, Gesellschaft und unterschiedlichen Prioritäten. Camil Würgler vertritt das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) im PISA Governing Board. Er erklärt, wo die Stärken des Schweizer Bildungssystems liegen und warum sich der Blick über die Landesgrenzen lohnt.

Basler Schulblatt: Warum unterscheiden sich Bildungssysteme weltweit so stark?
Camil Würgler: Bildungssysteme unterscheiden sich weltweit, weil sie aus unterschiedlichen historischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Prioritäten hervorgegangen sind. Sie entstehen über lange Zeit im jeweiligen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Kontext und widerspiegeln, welche Ziele eine Gesellschaft mit Bildung verfolgt.
Länder setzen unterschiedliche Schwerpunkte – etwa bei Chancengerechtigkeit, Leistungsorientierung, beruflicher Bildung oder der Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt – und gestalten ihre Bildungssysteme entsprechend. Deshalb gibt es nicht das eine ideale Bildungssystem, das überall funktioniert. Entscheidend ist, wie gut ein System seine eigenen Bildungsziele erreicht und auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen reagieren kann.
Welche unterschiedlichen Schwerpunkte setzen Bildungssysteme in verschiedenen Ländern oder Kulturen?
Bildung wird je nach gesellschaftlichem, kulturellem und wirtschaftlichem Kontext unterschiedlich verstanden und gewichtet. Manche Bildungssysteme legen beispielsweise mehr Wert auf individuelle Entfaltung, kritisches Denken und gesellschaftliche Teilhabe, andere betonen stärker Leistungsorientierung, Disziplin oder die Vorbereitung auf die Arbeitswelt. In der Praxis sind diese Aspekte jedoch meist miteinander verbunden und lassen sich nicht trennscharf einzelnen Ländern oder Kulturen zuordnen.
Was können internationale Vergleiche wie PISA über ein Bildungssystem aussagen?
PISA ermöglicht der Schweiz, die Kompetenzen der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler international einzuordnen und Entwicklungen über die Zeit zu verfolgen. Erfasst werden Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften sowie je nach Erhebung weitere Bereiche. Neben den eigentlichen Leistungsdaten werden Kontextinformationen erhoben, beispielsweise zu den schulischen und ausserschulischen Erfahrungen der Jugendlichen.
Damit liefert PISA drei Arten von Informationen: Leistungsindikatoren zeigen den Kompetenzstand, Kontextindikatoren helfen, Zusammenhänge mit sozialen, wirtschaftlichen oder bildungsbezogenen Faktoren zu untersuchen, und Trendindikatoren zeigen Entwicklungen über die Zeit.
Was kann PISA nicht zeigen?
Wichtig ist, die Aussagekraft richtig einzuordnen. PISA zeigt Ergebnisse und Zusammenhänge, kann aber nur sehr begrenzt erklären, weshalb diese Ergebnisse zustande kommen oder welche konkreten Massnahmen zu einer Verbesserung führen würden. Die Resultate sind deshalb kein fertiges Rezept für Bildungspolitik. Sie liefern vielmehr eine wichtige Grundlage, um Entwicklungen zu erkennen, Fragen zu stellen und diese mit weiteren Daten und Erkenntnissen vertieft zu untersuchen.
Was macht aus Ihrer Sicht ein gutes Bildungssystem aus?
Aus meiner Sicht ermöglicht ein gutes Bildungssystem den Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sich aktiv an der Gesellschaft zu beteiligen und die Kompetenzen zu erwerben, die Gesellschaft und Wirtschaft benötigen.
Für die Schweiz gibt die Bundesverfassung einen klaren Rahmen vor: Bund und Kantone sorgen im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten gemeinsam für eine hohe Qualität und Durchlässigkeit des Bildungsraums. Dazu gehört, dass Bildungswege anschlussfähig sind und Entwicklungsmöglichkeiten über verschiedene Bildungsstufen hinweg bestehen.
Was ist bei einem Bildungssystem sonst noch wichtig?
Wichtig ist aus meiner Sicht zudem, das Bildungssystem auf einer verlässlichen Wissensgrundlage weiterzuentwickeln. Dazu dient das gemeinsame Bildungsmonitoring von Bund und Kantonen mit dem Bildungsbericht Schweiz, der insbesondere Effektivität, Effizienz und Chancengerechtigkeit betrachtet. Internationale Vergleichsstudien wie PISA liefern weitere Erkenntnisse und ergänzen dieses Gesamtbild.
So können Bund und Kantone im Rahmen ihrer Zuständigkeiten evidenzbasiert entscheiden und das Bildungssystem kontinuierlich an gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Veränderungen anpassen.
Welche Rolle spielen Lehrpersonen für die Qualität eines Bildungssystems?
Lehrpersonen spielen eine zentrale Rolle für die Qualität eines Bildungssystems. Sie setzen Bildungsziele im Unterricht um und gehören zu den wichtigsten schulischen Einflussfaktoren für den Lernerfolg. Dabei vermitteln sie nicht nur Fachwissen, sondern fördern auch Selbstständigkeit, kritisches Denken und soziale Kompetenzen. Zugleich begleiten sie Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Chancengerechtigkeit.
Was brauchen Lehrpersonen, damit sie diese Rolle gut wahrnehmen können?
Die konkreten Rahmenbedingungen für Lehrpersonen in der Volksschule liegen in der Verantwortung der Kantone. Im Rahmen ihrer Zuständigkeiten sorgen Kantone und Schulen dafür, dass Lehrpersonen ihre anspruchsvolle Aufgabe unter guten Voraussetzungen wahrnehmen können. Dazu gehören insbesondere eine gute Aus- und Weiterbildung sowie geeignete Rahmenbedingungen.
Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich? Was macht unser Bildungssystem gut?
Die Schweiz verfügt über ein leistungsfähiges und international gut positioniertes Bildungssystem. Das zeigt sich unter anderem an den vergleichsweise tiefen Arbeitslosen- und Jugendarbeitslosenquoten, der hohen Beschäftigungsfähigkeit und der Innovationskraft unseres Landes. Entscheidend ist dabei weniger ein einzelner internationaler Rangplatz als das Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
Eine besondere Stärke ist die Vielfalt unserer Bildungswege. Berufliche und akademische Bildung ergänzen sich und bieten unterschiedliche, durchlässige Entwicklungsmöglichkeiten. Eine zentrale Rolle spielt dabei die duale Berufsbildung: Rund zwei Drittel der Jugendlichen absolvieren eine berufliche Grundbildung und verbinden betriebliche Praxis mit schulischer Bildung. Diese Nähe zum Arbeitsmarkt sowie die höhere Berufsbildung tragen wesentlich dazu bei, die benötigten Fachkräfte und den richtigen Fachkräftemix sicherzustellen. Gleichzeitig leisten unsere Hochschulen mit ihren unterschiedlichen Profilen und ihrer internationalen Vernetzung einen wichtigen Beitrag zur Innovationskraft der Schweiz.
Und wo sehen Sie Entwicklungspotenzial?
Entwicklungspotenzial besteht vor allem darin, diese Stärken unter veränderten Rahmenbedingungen zu sichern und bestehende Herausforderungen gezielt anzugehen. Eine zentrale Herausforderung sehe ich bei der Chancengerechtigkeit: Der Bildungserfolg hängt in der Schweiz nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab. Gleichzeitig gilt es, Bildungsangebote laufend an technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen anzupassen – etwa an Digitalisierung, künstliche Intelligenz und den demografischen Wandel. Entscheidend ist, Bewährtes zu erhalten und das Bildungssystem gemeinsam und gezielt weiterzuentwickeln.
Wie unterscheidet sich das Schweizer Bildungssystem von stärker zentralisierten Bildungssystemen – und welche Vor- und Nachteile hat das?
Der wichtigste Unterschied liegt in der Steuerung. Während zentralisierte Staaten viele Entscheidungen national treffen, tragen in der Schweiz die Kantone die Hauptverantwortung für die Bildung. Diese dezentrale Organisation ermöglicht Anpassungen an regionale Bedürfnisse, fördert Innovationen und berücksichtigt die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Schweiz. Gleichzeitig können Unterschiede zwischen Kantonen die Mobilität und die Zusammenarbeit komplexer machen. Deshalb braucht es eine Balance zwischen kantonaler Gestaltung und gemeinsamen Grundlagen – etwa durch Harmonisierungen wie das HarmoS-Konkordat oder sprachregionale Lehrpläne. Die Stärke des Schweizer Modells liegt genau in dieser Verbindung von Vielfalt und Zusammenarbeit.
Was können Kantone oder Städte wie Basel von internationalen Beispielen lernen?
Meine Arbeit im Bildungsbereich hat mir gezeigt, dass sich ein Blick über die Landesgrenzen hinaus lohnt. Bildungssysteme stehen weltweit vor ähnlichen Herausforderungen – etwa durch gesellschaftliche Veränderungen, neue Technologien oder den Wandel der Arbeitswelt.
Dabei geht es nicht darum, Modelle aus anderen Ländern oder Regionen einfach zu übernehmen. Internationale Beispiele können neue Perspektiven eröffnen, Denkanstösse geben und zeigen, welche Ansätze sich unter bestimmten Bedingungen bewähren. Entscheidend ist, solche Erfahrungen auf die eigenen Rahmenbedingungen und Bedürfnisse zu übertragen.
Auch Kantone und Städte wie Basel können meines Erachtens davon profitieren, internationale Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen, Erfahrungen mit anderen Regionen auszutauschen und daraus eigene Impulse für die Weiterentwicklung ihres Bildungssystems abzuleiten. Welche Schlüsse daraus gezogen und welche Massnahmen umgesetzt werden, liegt dabei selbstverständlich bei den jeweils zuständigen Akteuren.
Das Interview wurde schriftlich geführt.
Redaktion: Tamara Funck, Bild: SBFI
Zur Person
Camil Würgler ist beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) tätig. Er ist als Projektverantwortlicher für die Forschungsförderung im Bereich Berufsbildungsforschung zuständig und vertritt die Schweiz im PISA-Lenkungsausschuss, wo er derzeit eine Arbeitsgruppe leitet.