«Haltung vor Handlung»
NewsPartizipation und Heterogenität sind Kernbegriffe der Integrativen Schule. Universal Design for Learning (UDL) denkt Unterricht von Anfang an so, dass möglichst alle Kinder daran teilhaben können. Lukas Fehlings ist Fachbeauftragter für schulische Heilpädagogik an der Fachstelle Sonderpädagogische Unterstützung und setzt sich seit Jahren intensiv für UDL ein, das bisher vor allem im englischsprachigen Raum verbreitet ist.

Das Universal Design for Learning (UDL) hat ihren Ursprung in der Architektur. Dort entstand in den 1970er-Jahren die Idee des «Universal Design». Gebäude und Produkte sollen von Anfang an so gestaltet sein, dass sie für möglichst viele Menschen zugänglich und nutzbar sind. Angestossen wurde dieser Ansatz unter anderem von Ronald Mace, einem Architekten, der aufgrund einer Polio-Erkrankung selbst im Rollstuhl sass und die Bedeutung von Barrierefreiheit erkannte. Später wurde das Konzept auf die Bildung übertragen. Ausgangspunkt ist die natürliche Variabilität der Lernenden und Lernangebote, die die unterschiedlichen Bedürfnisse, Lernwege und Voraussetzungen der Kinder von Anfang an berücksichtigen. So wird Lernen für möglichst viele Schülerinnen und Schüler zugänglich. Lukas Fehlings befasst sich seit einigen Jahren intensiv mit der Grundhaltung von UDL und ist aktuell dabei, das erste deutschsprachige Netzwerk aufzubauen. Mit dem Basler Schulblatt spricht er über die Idee einer Schule, in der alle lernen können, sowie konkrete Handlungstipps für Lehrpersonen.
Basler Schulblatt: Wie erklären Sie den Grundsatz von UDL?
Lukas Fehlings: Im Kern geht es bei UDL darum, Lernzugänge für alle zu ermöglichen. Ein entscheidender Punkt dabei ist die Erkenntnis, dass die Barrieren nicht beim Kind liegen, sondern in der Umgebung. Und genau dort setzen wir an. Wir nehmen das Lernziel als Ausgangspunkt. Dabei verfolgen wir das Prinzip «Feste Ziele, flexible Wege». Die Lehrpersonen bieten unterschiedliche Gerüste (Scaffolds) an, immer mit dem Lernziel im Fokus. Von dort aus überlegt die Lehrperson, welche Wege sie der Klasse anbieten kann, um dieses Ziel zu erreichen. Dabei bieten drei zentrale Bereiche Orientierung: Wir schaffen vielfältige Möglichkeiten für das Engagement (das Warum des Lernens), für die Repräsentation von Informationen (das Was) und für die Aktion und den Ausdruck (das Wie), welche in den UDL-Leitlinien dargestellt sind. Als Lehrpersonen begleiten wir die Kinder dabei individuell und schauen, was diese im Moment brauchen – das kann je nach Tagesform oder Lerninhalt unterschiedlich sein. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass letztlich alle Kinder von dieser Unterrichtsgestaltung profitieren.
Das setzt voraus, dass die Kinder wissen, was sie brauchen.
Einige Kinder sind dabei stärker gefordert und brauchen eine engere Begleitung. Andere kennen solche Wahlmöglichkeiten bereits von zu Hause, etwa beim Essen oder bei der Kleidung. Ich denke, wir sollten den Kindern etwas zutrauen und davon ausgehen, dass sie ihre Entscheidungen aus einem guten Grund treffen. Von aussen wirkt es manchmal so, als würde es sich ein Kind heute ganz schön leicht machen. Aber vielleicht steckt dahinter eine bewusste Strategie oder das Thema ist nicht motivierend. In den Leitlinien 3.0 von UDL rückt der Begriff «Learner Agency» stärker in den Fokus. Gemeint ist, dass Kinder Schritt für Schritt lernen, selbst zu erkennen, was sie brauchen – und wir Lehrpersonen sie dabei begleiten.
Wann soll oder darf damit angefangen werden?
Je früher man mit UDL beginnt, desto einfacher ist es für die weitere Schullaufbahn. Die Kinder lernen so, sich selbst und ihre Lernstrategien besser kennen. Wenn sie erst in der Sekundarschule beispielsweise im Atelierunterricht zum ersten Mal damit in Kontakt kommen, kann das ziemlich herausfordernd sein. Beginnt man hingegen schon im Kindergarten, kann man darauf aufbauen und die Erfahrungen Schritt für Schritt erweitern.

Ganz praktisch: Woran kann man sich als Lehrperson orientieren, wenn man UDL anwenden möchte?
Es gibt dazu einen Kreislauf (siehe Bild). Ich empfehle, beim Lernziel zu starten. Von dort aus überlege ich am besten gemeinsam mit einem multiprofessionellen Team welche Barrieren auf dem Weg dorthin auftreten könnten. UDL ist kein Einzelprojekt. Wenn verschiedene Fachexpertisen auf das Unterrichtsdesign schauen, entdecken wir zusammen Barrieren, die man allein oft übersieht. Dann nehme ich mir bewusst eine dieser Barrieren vor, weil ich nicht alle gleichzeitig lösen kann. Anschliessend überlege ich, welche Hilfsmittel oder Zugänge helfen könnten, diese Hürde zu überwinden. Nach der Unterrichtssequenz schaue ich zurück und evaluiere: Was hat funktioniert? Welche Barrieren sind vielleicht gleich mit eingerissen worden? Und dann kann man den nächsten Durchlauf starten – besonders sinnvoll ist das bei der Einführung neuer Themen. Die sonderpädagogische Expertise fliesst hier also schon in die Vorbereitung ein, nicht erst in die Intervention.
Das klingt nach viel Aufwand.
Der Aufwand verlagert sich weg vom stressigen, reaktiven Feuerlöschen während der Lektion hin zu einem proaktiven Unterrichtsdesign. Da ich Barrieren bereits antizipiert habe, bin ich in der Situation deutlich besser vorbereitet. Das reduziert den situativen Stress spürbar und gibt mir Sicherheit. Die vielen Möglichkeiten in der Unterrichtsgestaltung sollen Lehrpersonen nicht überfordern. Es geht nicht darum, alles barrierefrei zu machen oder den Unterricht möglichst einfach zu gestalten. Entscheidend ist, unnötige Barrieren auf dem Weg zum Lernziel abzubauen – ohne dabei sich selbst oder die Schülerinnen und Schüler zu überfordern.
Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen, um UDL anzuwenden?
Entscheidend ist die Haltung vor der Handlung. Wenn ich verstehe, warum ich etwas mache und es für mich stimmig ist, bin ich auch eher bereit, Zeit und Energie zu investieren. Wenn ein ganzes Schulteam das Verständnis teilt: allen Kindern Teilhabe zu ermöglichen, dann trägt das viel zum Gelingen bei. Wird UDL hingegen einfach «verordnet», wirkt es schnell wie eine zusätzliche Aufgabe. Es sollte kein Zusatz sein, sondern aus der Überzeugung entstehen, Lernen für alle zugänglich zu machen. Es kann sein, dass ein gutlesendes Kind an einem Tag nicht lesen kann, weil es die Brille zu Hause vergessen hat. Normalerweise wäre für dieses Kind in diesem Beispiel beim Lesen keine Teilhabe möglich. Da ich aber antizipiert habe, dass Lesen eine Barriere sein kann, habe ich auch für dieses Kind eine Alternative dabei.
Können Sie noch ein Beispiel nennen?
Wenn ich als Lehrperson das Ziel habe, dass alle Kinder eine Präsentation zu einem Thema halten, geht es darum, möglichst verschiedene Wege dorthin offen zu halten. Ein mehrsprachiger Schüler kann zum Beispiel mit PowerPoint in seiner Herkunftssprache präsentieren und gleichzeitig deutsche Untertitel einblenden. Mit den Edubs-Books steht diese Möglichkeit allen zur Verfügung. So kann ein Kind das Lernziel erreichen, für das die Sprache sonst eine Barriere gewesen wäre. Auch für Kinder, die ungern vor der Klasse sprechen, gibt es Alternativen: Sie können ihre Präsentation in einem Nebenraum aufnehmen und später die Aufnahme der Präsentation zeigen. Diese Beispiele verdeutlichen, wie unnötige Barrieren abgebaut werden, ohne das Lernziel zu verändern.
Wo liegt der Unterschied zwischen UDL und der klassischen Binnendifferenzierung?
Je nachdem wie differenziert wird, ist die Unterscheidung nicht so gross. Bei der klassischen Binnendifferenzierung geht die Lehrperson oft von einem Grundunterricht für eine meist fiktive Gruppe an Durchschnittslernenden aus und passt einzelne Elemente im Nachhinein an. Bei UDL gehe ich einen Schritt zurück und plane den Unterricht von Anfang an so, dass möglichst alle barrierefrei teilnehmen können. Es gibt also nicht einen Unterricht für einige und Anpassungen für andere, sondern ein flexibles Angebot für alle. Gleichzeitig befähige ich die Schülerinnen und Schüler, als Lernende selbst zu erkennen, welche Unterstützung sie brauchen und wie, wo und wann sie diese einsetzen. Dieser Prozess entwickelt sich Schritt für Schritt, und wir Lehrpersonen begleiten die Kinder dabei als Lerncoaches.
Kann UDL auch einen Beitrag zur Integrativen Schule leisten?
Die Vielfalt in den Klassenzimmern ist Fakt. Ziel ist, dass alle Kinder teilhaben können – unabhängig von ihren Voraussetzungen. In der Integrativen Schule werden Kinder mit besonderem Förderbedarf in die Regelklasse integriert und erhalten oft zusätzliche Mittel. UDL geht noch einen Schritt weiter und folgt einem inklusiven Ansatz, bei dem diese Zweiteilung weniger im Vordergrund steht. Es wird ein Rahmen geschaffen, in dem allen Kindern verschiedene Zugänge offenstehen. Hilfsmittel sind nicht einzelnen vorbehalten, sondern stehen grundsätzlich allen zur Verfügung. Dabei geht es nicht darum, jede mögliche Schwierigkeit vorwegzunehmen, sondern typische, nicht notwendige Barrieren mitzudenken – sodass im Unterricht gar nicht erst unnötiger Druck entsteht, weil Alternativen proaktiv bereits eingeplant sind.
Interview von Maren Stotz
Veranstaltungen mit Lukas Fehling zu UDL
- Die nächste Weiterbildung am PZ.BS zu «Neurodiversität und UDL» am 26. Mai
- Das Forum inclusion (online) zu «UDL – Vielfalt als Chance nutzen» am 27. Mai
- Der 14. Schweizer Kongress für Heilpädagogik «Zusammenarbeit als Kernauftrag – gemeinsam auf dem Weg zu einer Schule für alle» am 1. und 2. September