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Jedes Kind in seinem Wert wahrnehmen

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Anfang Jahr übernahm Noortje Vriends die Leitung der Sonderpädagogik im Bereich Volksschulen. Im Basler Schulblatt spricht sie über ihre Visionen sowie die Herausforderungen und Chancen der Sonderpädagogik.

Frau in dunkelblazer vor neutralem Hintergrund.

Basler Schulblatt: Der Grosse Rat hat im Herbst 2024 ein umfassendes Massnahmenpaket zur Weiterentwicklung der integrativen Schule verabschiedet. In diesem Zusammenhang wurde auch die Leitung Sonderpädagogik neu geschaffen, die Sie übernommen haben. Wofür ist diese Stelle da?
Noortje Vriends: Die Volksschulleitung wollte der Sonderpädagogik einen festen Platz in der Volksschulleitungskonferenz geben. Zu meiner Aufgabe gehört es, die sonderpädagogischen Angebote zu koordinieren und gemeinsam mit den Schulen weiterzuentwickeln. Eine grosse Aufgabe ist dabei, die Umsetzung des Massnahmenpakets sorgfältig zu begleiten. Die Sonderpädagogik soll auf allen Ebenen der integrativen Volksschule mitgedacht werden. Ziel ist letztlich, die Volksschule zu stärken. Mit dem Massnahmenpaket wurden neue Angebote geschaffen oder bestehende erweitert. Diese Entwicklungen werden wir nun mit Blick auf die Wirkung dieser Angebote sorgfältig begleiten.

Was gehört alles zur Leitung Sonderpädagogik?
Zur Leitung Sonderpädagogik gehören die Spezialangebote (SpA) sowie verschiedene Fachstellen und Unterstützungsangebote. Gleichzeitig umfasst die Sonderpädagogik deutlich mehr als nur separative sonderpädagogische Angebote. Sie beginnt bereits in einem differenzierten Grundangebot des regulären Unterrichts und reicht über Förderangebote innerhalb der Regelschule bis hin zu integrativen sowie separativen Massnahmen. Durch meinen Einsitz in der Volksschulleitung wird die Zusammenarbeit mit den anderen Stufenleitungen gestärkt.

Wohin soll sich die Sonderpädagogik in den kommenden Jahren entwickeln?
Die Volksschulleitung hat entschieden, einen Strategieprozess zur Sonderpädagogik anzustossen. Es geht darum zu schauen, wie die Sonderpädagogik gestärkt und Abläufe vereinfacht werden können. Ziel ist, dass Kinder am richtigen Ort gefördert werden und klare Kriterien für die verschiedenen Angebote bestehen. Auch Prozesse und Unterlagen sollen vereinfacht und überarbeitet werden. Fachstellen, Schulen und Schulleitungen werden dabei einbezogen. Der Strategieprozess dauert bis 2032. Klar ist schon heute, dass es auf allen Kaskaden Verbesserungen braucht.

Welche konkreten Veränderungen sind bereits geplant?
Innerhalb der Verwaltung der Sonderpädagogik wird es eine Reorganisation geben. Ziel ist, die Angebote und Zuständigkeiten besser aufeinander abzustimmen und die Sonderpädagogik strategisch klarer aufzustellen. So werden verschiedene Beratungs- und Unterstützungsangebote enger zusammengeführt. Unter anderem entsteht die neue Stelle «Beratung und Intervention vor Ort» (BIVO). Zudem wird die Fachstelle Zusätzliche Unterstützung zu einem Stab Sonderpädagogik weiterentwickelt, der den Strategieprozess begleitet.

Welche Themen sind im Strategieprozess besonders wichtig?
Es gibt einige grundlegende Fragen, die wir klären müssen. Eine davon betrifft die integrierten verstärkten Massnahmen. Beispielsweise stellt sich die Frage, für welche Angebote tatsächlich verstärkte Massnahmen nötig sind oder ob gewisse Mittel äquivalent zu den Förderangeboten direkt an die Schulen gegeben werden sollen. 

Auch die Unterschiede zwischen sonderpädagogischen Angeboten müssen noch klarer definiert werden. Neu gibt es zum Beispiel Förderklassen, welche direkt an der Regelschule angegliedert sind und für welche es keinen Antrag auf verstärkte Massnahmen braucht. Es ergeben sich Fragen wie: Welche Kinder kommen künftig in ein Spezialangebot? Wie sollen die Angebote sich weiterentwickeln? Das Massnahmenpaket verändert die Angebotslandschaft. Deshalb müssen wir bestehende Strukturen überdenken. 

Im Strategieprozess geht es auch um die Rückkehr aus separativen Angeboten in die Regelschule. Warum spielt dieses Thema eine so grosse Rolle?
Wenn ein Kind aus der Regelklasse in ein separatives Angebot wechselt, ist es wichtig, den Bezug zur Stammschule möglichst aufrechtzuerhalten. Ein separatives sonderpädagogsiches Angebot, wie ein SpA, soll Kinder befähigen, wenn möglich wieder in ihre Stammschule zurückzukehren. Dafür braucht es unter anderem klare Kriterien. Heute gibt es Kriterien für den Eintritt in ein SpA, aber kaum solche für den Austritt – ausser dem Auslaufen der Verfügung für die verstärkte Massnahme. Künftig soll deshalb schon beim Eintritt in ein separatives Angebot die Perspektive einer möglichen Rückkehr mitgedacht werden. Das schafft Klarheit für das Kind, die Schulen, Eltern und Lehrpersonen. Zudem verändert es das Narrativ der Massnahme, was für eine Reintegration von zentraler Bedeutung ist.

Was ist Ihnen im Umgang mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen wichtig?
Die Arbeit in der Sonderpädagogik bringt viel Verantwortung mit sich und kann auch emotional sein. Ich bin vielleicht eher etwas nüchtern. Mir ist wichtig, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen angemessen gefördert werden – innerhalb der Möglichkeiten, die es gibt. Eine optimale Förderung für jedes einzelne Kind wird ein Schulsystem nie leisten können. Es geht darum, jedes Kind in seinem Wert wahrzunehmen und realistische Förderziele zu setzen. Nicht alle Kinder müssen denselben Weg gehen. Unterschiedliche Bildungswege können gleichwertig sein, wenn sie zum Kind passen. Gerade bei psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen entsteht oft der Wunsch, etwas «heilen» zu wollen. Das kann zu Frustration führen, was nicht förderlich für das Kind ist. Entscheidend ist, dass Kinder angemessen unterstützt werden und mit Vertrauen ihren Weg im eigenen Tempo gehen können.

Was könnte sich in den nächsten Jahren für Lehr- und Fachpersonen verändern?
Das Massnahmenpaket wird vor allem dann wirksam sein, wenn gleichzeitig auch die Akzeptanz für die gesellschaftlichen Veränderungen weiter wächst. Die Wirkung liegt dabei weniger darin, mehr oder weniger Kinder zu separieren, sondern vielmehr im Umgang mit der Heterogenität in den Schulen. Was sich stark verändert hat und weiter verändert, ist die Gesellschaft – und damit auch die Schule. Die Durchschnittsklasse ist heute wesentlich heterogener. Viele Kinder haben unterschiedliche Diagnosen oder Förderbedürfnisse. Lehrpersonen übernehmen zunehmend auch koordinative Aufgaben: Wer ist wann in welchem Angebot? Das zu organisieren, ist eine hohe Kunst.

Heute sehen wir beispielsweise deutlich mehr psychische Störungen als noch vor einigen Jahrzehnten. Dadurch verändern sich auch Schule und Unterricht. Eine sehr heterogene und mit vielfältigen Förderbedarfen bestückte Klasse ist das «neue Normal». Mit den gesellschaftlichen Veränderungen muss die integrative Haltung innerhalb der Regelschule weiter zunehmen. Es steigen auch die Anforderungen an die innere Flexibilität der Lehrpersonen. Die Durchschnittsklasse ist heute bereits anspruchsvoll und könnte künftig noch komplexer werden. Davon gehe ich aus. Lehrpersonen müssen sich deshalb immer wieder auf neue Situationen einstellen. Gerade wenn man lange im Beruf arbeitet, ist das nicht einfach.

Wo sehen Sie aktuell noch Herausforderungen oder Reibungspunkte?
Die Situation ist auf vielen Ebenen anspruchsvoller geworden. Kinder bringen heute oft komplexere Themen mit, und auch das System rund um die Kinder und Familien ist häufig komplex. Gleichzeitig ist das Angebot sehr vielfältig – und damit auch anspruchsvoll. Dazu kommen rechtliche Fragen, etwa Verfügungen oder Rekurse. Anspruchsvoll ist auch die multiprofessionelle Zusammenarbeit. In den Schulen arbeiten heute neben Lehrpersonen auch Logopädinnen, Sozialpädagoginnen, oder andere Fachpersonen. Dort stellt sich immer wieder die Frage: Wie gelingt diese Zusammenarbeit? Wo sind die Entscheidungswege? Und welche Führungsstrukturen gibt es?

Gibt es aktuell Lücken im Angebot?
Ja, es gibt gewisse Lücken im Angebot. Es gibt immer wieder Kinder, die mit den bestehenden Angeboten nicht angemessen gefördert werden. Das sind zum Glück meist vereinzelte Fälle. Die Frage ist dann, gibt es einen gemeinsamen Nenner für diese Kinder, die durch die Maschen zu fallen drohen. Besonders deutlich zeigt sich das für mich aktuell beim Thema Autismusspektrumsstörung. Dort müssen wir schauen, ob unsere bestehenden Angebote die richtigen sind. Und allgemein müssen wir uns bei psychischen Störungen fragen, wie wir pädagogisch sinnvoll damit umgehen. Die Schule kann aber nicht alles übernehmen.

Wo sehen Sie bei psychischen Störungen die Verantwortung der Schule – und wo jene der Eltern?
Wenn ein Kind einen Diabetes diagnostiziert bekommt, ist klar: Die Eltern organisieren gemeinsam mit Fachpersonen die Behandlung. Bei psychischen Störungen ist das oft weniger eindeutig und es wird viel Verantwortung an die Schule abgegeben. Für mich als Psychologin ist aber klar: Auch psychische Störungen brauchen eine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Die Schule kann nicht Aufgaben übernehmen, für die sie nicht zuständig ist. Die Schule kann und soll hinschauen: Was braucht ein Kind, damit es am Unterricht teilnehmen oder wieder in die Schule zurückkehren kann? Die Behandlung selbst liegt jedoch bei den Eltern. Dafür braucht es eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und Fachstellen wie der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder dem Kinder- und Jugenddienst. In den nächsten Jahren werden wir stärker klären müssen, wo die Verantwortung der Schule beginnt – und wo sie aufhört.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der integrativen Schule?
Ich wünsche mir eine Schule, in der unterschiedliche Bildungswege selbstverständlich sind und Kinder die Unterstützung erhalten, die zu ihnen passt. Viele Lehr- und Fachpersonen engagieren sich bereits heute mit grosser Offenheit und Professionalität. Darauf können wir aufbauen und die integrative Schule gemeinsam weiterentwickeln.

Interview: Tamara Funck, Foto: Grischa Schwank

Zur Person

Die Psychologin Dr. Noortje Vriends führte während fast sechs Jahren das Zentrum für Frühförderung Basel-Stadt. Seit Januar 2026 leitet sie die Sonderpädagogik im Bereich Volksschulen. Zur Leitung Sonderpädagogik gehören drei Primar-Spezialangebote (SpA), ein Sekundar-SpA sowie das derzeit im Aufbau befindliche SpA Plus. Ebenfalls dazugehören die Kriseninterventionsstelle (KIS), die Fachstelle Sonderpädagogische Unterstützung und die Fachstelle Zusätzliche Unterstützung.