Kompetenzzentrum für Leder
NewsIm Lederatelier der Berufsfachschule Basel entstehen Taschen, Etuis und individuelle Einzelstücke in konzentrierter Handarbeit. Der Kursort hat sich dabei weit über Basel hinaus als Kompetenzzentrum etabliert.

Das Lederhandwerk ist meist leise. Das Zuschneiden der einzelnen Teile mit Cutter ist geräuschlos. Die Nadeln der Ledernähmaschinen arbeiten sich leise und langsam eine Naht durch das Leder. Nur in der Endverarbeitung kann es durch den Einsatz von Werkzeugen auch mal lauter werden im Lederatelier der Berufsfachschule Basel.
Handwerk gewinnt an Relevanz
In einer konzentrierten Atmosphäre entstehen hier Einzelstücke aus Leder. Etwa die Hälfte der Kursteilnehmerinnen erarbeiten sich ein Design-Produkt nach eigenen Vorstellungen, während die andere Hälfte nach Modellen und vorhandenen Schnittmustern Taschen oder Kleinprodukte in vielteiliger Handarbeit herstellt. «Viele empfinden die Arbeit mit dem Leder als sinnstiftend und meditativ», erzählt Kursleiterin Catherine Braun-Dubler. Die Kurse im Lederatelier sind gut besucht und beliebt. Gerade als Ort der Entschleunigung in dieser schnelllebigen Zeit, wie Catherine Braun-Dubler bestätigt: «Wir spüren, dass das Handwerk gerade wegen der Digitalisierung wieder vermehrt an Relevanz gewinnt.»
Für alle Niveaus
Alle, die Interesse und Neugier an der Lederbearbeitung mitbringen, sind im Lederatelier der Berufsfachschule willkommen. Erste Erfahrungen können in Workshops mit kleinen Produkten wie Etuis oder Hüllen gesammelt werden. In den Lederkursen kann das Wissen mit der Erarbeitung verschiedener Accessoires aus Leder vertieft werden. Wer mit Erfahrung in Lederbearbeitung in den Kurs kommt, setzt vielleicht den Wunsch einer individuellen Velotasche um. Auch schon habe ein Kursteilnehmer massgeschneiderte Etuis für eine mehrteilige Fotoausrüstung im Lederkurs umgesetzt. «Das sind längere Projekte, woran die Kursteilnehmerinnen über mehrere Semester arbeiten», weiss Lederexpertin Catherine Braun-Dubler. In der Infrastruktur und der fachlichen Begleitung richtet sich das Lederatelier an interessierte Einsteigende genauso wie an Berufslernende, Lehrpersonen oder Designerinnen.

Infrastruktur
«Das Besondere an diesem Ort ist, dass hier wirklich alles aus Leder hergestellt werden kann», sagt die erfahrene Kursleiterin. Für die maximal zehn Kursteilnehmerinnen stehen helle Arbeitsplätze zur Verfügung, die ausreichend Raum bieten für die wichtigsten Arbeitsschritte in der Lederbearbeitung: Lederausbreiten, Zuschneiden der Teile, Kantenbearbeitung, Anbringen der Schnallen oder Nieten und Kleben zum Vorfixieren. Für ein regelmässiges Stichbild im gewünschten Leder ist das Atelier mit zehn starken Ledernähmaschinen ausgestattet. An Säulenmaschinen mit Schaft können handwerklich Erfahrene auch tiefere Objekte wie Koffer von Hand bearbeiten. Fürs Lederschärfen und Lederspalten werden spezielle Maschinen benötigt, die von den Lehrpersonen bedient werden, weil sie einiges an Erfahrung voraussetzen. Das Schärfen wird bei der Kantenverarbeitung eingesetzt, damit die überlagerten Enden nicht zu dick werden. Mit der Lederspaltung kann das Material auf eine gewünschte Dicke millimetergenau flächig gespaltet werden. Eine grosse Auswahl Leder, auch Felle, eine Schnittmusterbibliothek, Modellobjekte, Fäden in allen Farben, Keder, Einlagen und unzählige sogenannte Fournituren und das dazu passende Werkzeug runden das Angebot ab. Fournituren sind Metallwaren wie Ösen, Druckknöpfe, Schnallen, Magnete oder Bodennägel für die Lederendverarbeitung. Das Lederatelier in der Berufsfachschule ist «ein Kompetenzzentrum. Viele kommen wegen der Infrastruktur und der Fachkompetenz zu uns», wie Catherine Braun-Dubler erzählt. Dafür nehmen die Kursteilnehmenden auch weite Distanzen auf sich und reisen aus Zürich, dem Jura oder anderen Regionen der Schweiz an. Das Angebot ist einzigartig in der Schweiz.
Arbeitsplatz ohne Druck
Marie Dowse besucht das Lederatelier gerade wegen der fachkompetenten Begleitung vor Ort. Bei Unsicherheiten oder Fragen zur Umsetzung «findet Catherine immer einen Lösungsweg», fasst die junge Lernende zusammen, was sie am Lederkurs so schätzt. Sie arbeitet zurzeit an einer kleinen Tasche, die sie an spezielle Anlässe begleiten soll. Den schwarzen Taschenkörper möchte Marie Dowse mit Volant-Rüschen abwechselnd in Gold und Schwarz ausstatten. Die Idee für die Volants stammt aus Pinterest. Als Vorlage für den Taschenkörper diente ein Modell aus der hiesigen Schnittbibliothek. Den Prototypen nähte sie aus Abdeckvlies, das ihre Lederwahl erstaunlich gut imitiert. «Ich habe mich vor den Spiegel gestellt und gesehen, dass der Prototyp in Bezug auf meinen Körper zu gross ist», berichtet die Lernende aus ihrem Arbeitsprozess. Dann kam es zu weiteren Anpassungen, die näher an ihr Wunschobjekt zielen. Marie Dowse ist angehende Bekleidungsgestalterin und besucht den Kurs im Lederatelier zusätzlich zu ihrer beruflichen Grundausbildung. Während viele ihrer Kolleginnen aus den Couture-Ateliers ergänzend zur Ausbildung einen Nähkurs besuchen, hat sie sich für den Kurs zur Lederverarbeitung entschieden. Als Lernende an der Berufsfachschule ist der Besuch für sie kostenlos. «Im Lederatelier habe ich einen Arbeitsplatz komplett ohne Druck. Hier habe ich Zeit und kann ausprobieren.» In der Ausbildung ist der Arbeitsalltag auf die Wünsche der Kundschaft ausgerichtet. Somit ist die Arbeit im Lederatelier «eine schöne Ergänzung. Am Ende habe ich noch ein grossartiges Endprodukt und auch ein gutes Gefühl.»

Eigene Materialität
Auch Emanuela Ramacci schätzt das Lederatelier als Kompetenzzentrum. «Hier erhalte ich Unterstützung, wenn ich mal nicht weiterkomme», sagt die Lehrerin für Technisches und Textiles Gestalten. Sie profitiere vom «Megawissen», das die Kursleiterin mitbringe. Ihre im Internet gekaufte Schnalle wollte nicht so leicht ans Leder gelangen. «Jeder Ideenwunsch ist hier umsetzbar. Es muss nicht standardisiert sein», erzählt Emanuela Ramacci fasziniert. Ihre Begeisterung für die Lederbearbeitung ist an einem Workshop mit ihrem Fachkollegium entflammt. Den Lederkurs kann sie sowohl administrativ als auch finanziell als Weiterbildung verbuchen. Ihre berufliche Erfahrung mit den unterschiedlichsten Materialien helfen ihr bei der Verarbeitung von Leder zum gewünschten Produkt, und doch sei es nochmals «ein ganz anderer Umgang mit der Materialität». Im Vergleich zur Stoffverarbeitung beispielsweise seien die Arbeitsschritte mit dem Leim neu für sie. «Ausserdem braucht es Geduld, genaues Arbeiten und viel Konzentration.» Für Emanuela Ramacci ist der Kurs im Lederatelier ein bewusster Ausgleich zum Berufsalltag. «Diese Stunden hier sind etwas ganz Eigenes», beschreibt sie die konzentrierte Arbeit im Lederatelier. Zwischen Unterrichtsvorbereitung, Lernberichten und Förderdiagnosen schätzt sie diesen Ort der handwerklichen Präzision und der individuellen Gestaltung. Stolz zeigt sie ihr im Kurs erarbeitetes Pinseletui aus weichem Leder, womit sie sich ein «mobiles Malatelier» geschaffen hat. «Das hält mir ein Leben lang», ist Emanuela Ramacci sicher und schwärmt für die Materialität des Leders: «Und mit dem Gebrauch wird es immer schöner. Diese Patina von Leder ist einfach unvergleichlich.»
Text: Maren Stotz, Fotos: Grischa Schwank
Lederkurse an der Berufsfachschule
Eine Übersicht aller Kurse für Einsteigerinnen, Fortgeschrittene, Designerinnen, Baslter oder Lehrpersonen gleichermassen über untenstehenden Link: