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Mit der Natur arbeiten

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Die Ausbildung zum Landwirt EFZ gehört zu den anspruchsvollsten Berufslehren. Ein Besuch bei Livio Nicotera in Hasliberg zeigt: Landwirt ist weit mehr als nur ein Beruf – und verlangt viel Selbstständigkeit und Flexibilität.

Ein Mann steht vor einem landwirtschaftlichen Fahrzeug in einem Holzgebäude.

Der Lehrbetrieb von Livio Nicotera liegt auf der Därnisfluh etwas ausserhalb von Hasliberg. Nach dreieinhalb Stunden Anreise von Basel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln werde ich vom 16-jährigen Lernenden an der Gondelstation Reuti mit einem leeren Transporter abgeholt. «Ich war gerade fertig mit der Montage der Ladefläche, die wir morgen brauchen, um das trockene Heu einzuladen», berichtet er. Dann hat der Lehrmeister grünes Licht gegeben, dass der Besuch aus der Stadt mit dem Transporter abgeholt werden darf. «Für mich ist es schön, dass ich schon vieles selbstständig machen darf. Das zeugt von grossem Vertrauen.» 

Vertrauen und Selbstständigkeit sind die beiden Begriffe, die als Erstes fallen als Antwort auf die Frage, was Livio Nicotera an seiner Ausbildung zum Landwirt EFZ am besten gefällt. «Heute war ich allein im Feld und musste einschätzen, wie weit ich das Gras von Hand reinnehme und was ich mit der Maschine bearbeite.» Auch die Neigung des Geländes musste bei dieser Arbeit berücksichtigt werden. Sie beeinflusst, wie hoch oder tief der Lernende das Werkzeug einstellt, und bestimmt, ob das Gelände für den Einsatz einer Maschine zu steil ist.

Landwirt als Traumberuf
Zur Ausbildung des angehenden Landwirts gehört der jährliche Wechsel des Lehrbetriebs. Im ersten Lehrjahr war Livio Nicotera auf einem Betrieb für Milchwirtschaft im Flachland. Das zweite Lehrjahr verbringt er auf der Därnisfluh. Der Betrieb konzentriert sich auf Milchwirtschaft in den Bergzonen zwei und drei. Mit den Zonen bezeichnet das Bundesamt für Landwirtschaft die Landwirtschaftsgebiete mit erschwerten Bedingungen, was Neigung, Erreichbarkeit und Klima des Geländes ausmacht. Auch eine Alpwirtschaft gehört zum aktuellen Lehrbetrieb. Den September verbrachte Livio Nicotera ganz auf der Alp – «ein Highlight», wie er es freudig kurz zusammenfasst.

Dass Landwirt mehr ist als ein Beruf, zeigt sich schon in der Ausbildung. In der 53-Stunden-Woche ist der Arbeitstag eines Lernenden neuneinhalb Stunden lang. «Der Tag ist anspruchsvoll. Und gerade mit der Tierhaltung bist du als Bauer gebunden. Das kann eine Belastung sein, ist aber auch etwas Schönes», berichtet Livio Nicotera aus seinem Alltag. «Ich nehme das gerne in Kauf dafür, dass ich meinen Traumberuf leben kann.» Auf elf Arbeitstage folgen drei Freitage. Durch die Bündelung der Freitage hat der 16-Jährige alle zwei Wochen ein Wochenende frei. Die freien Wochenenden verbringt der Lernende zu Hause. Mit dem Start der Ausbildung ist er mit 15 Jahren von zu Hause ausgezogen. «Das war herausfordernd – und eine grosse Veränderung. In der Lehre zum Landwirt muss man bereit sein, sein Zuhause früh zu verlassen, und sich einlassen können auf die Besitzerfamilie des Lehrbetriebs sowie lange und irreguläre Arbeitstage», erzählt Livio Nicotera. Flexibilität sei eine Grundvoraussetzung für diesen Beruf. «Jeder Tag ist anders», sagt er. Das mache diese Berufslehre so attraktiv. 

Den Beruf Landwirt hat Livio Nicotera mit der Muttermilch eingesogen. Sein Vater ist Käser und die ersten 15 Sommer seines Lebens hat er auf der Alp verbracht. Was ihm in seiner Ausbildung besonders gefällt: «das perfekte Verhältnis von Arbeit an der frischen Luft und drinnen, Maschinenwartung und Tierpflege». Die Arbeit in der Landwirtschaft geschieht im Einklang mit der Natur. «Wir arbeiten in und mit der Natur, nicht gegen sie. Sie ist sowieso stärker», bringt es Livio Nicotera auf den Punkt. Dieses Jahr sei die Trockenheit deutlich sichtbar. Die Heubühnen sind auch Ende Sommer noch halb leer und es gibt zu wenig Futtervorrat für das Vieh.

Langer Schulweg
Mit dem Start der Ausbildung zum Landwirt EFZ «möchte ich meine Leidenschaft für die Landwirtschaft verfachlichen», sagt Livio Nicotera. Die praktische Ausbildung auf dem Betrieb wird mit der Theorie in der Berufsfachschule ergänzt – auch «ein Highlight», wie er es selbst umschreibt. «Die Berufsfachschule ist eine Abwechslung», und das nicht nur auf inhaltlicher Ebene. Es ist der einzige Austausch mit den anderen jungen angehenden Berufskolleginnen und -kollegen. «Dann kommen alle aus ihren Betrieben in die Schule. Die Klasse ist sehr durchmischt.» Die Lehrbetriebe der Lernenden unterscheiden sich stark und liegen geografisch auch weit auseinander. Für die Anfahrt zur nächsten Berufsfachschule hat der Lernende von seinem Wohnort mit dem öffentlichen Verkehr 90 Minuten. Den grösseren Nachteil sieht er jedoch in der Klassenzusammensetzung, die sich mit dem Wechsel des Lehrbetriebs auch jedes Jahr neu zusammenstellt: «Es bildet sich keine Berufsfachklasse, wie man es aus den anderen Lehrberufen kennt. Ich konnte mir eine tolle Freundesgruppe aufbauen. Aber es ist schade, weil nach einem Jahr alle weitergezogen sind.»

Abgesehen vom Klassenwechsel in der Berufsfachschule sieht Livio Nicotera den jährlichen Hofwechsel als grossen Vorteil. Die Berufslehre werde dadurch vielseitiger, wie er sagt: «Nach einem Jahr sind alle Abläufe einmal gemacht und man ist bereit für neue Eindrücke.» Gewisse Landwirte in Ausbildung organisieren sich ihre drei Lehrbetriebe vor der Ausbildung. Livio Nicotera ist für das dritte Lehrjahr noch auf der Suche nach einem Betrieb. Zwar gäbe es eine grosse Auswahl an Möglichkeiten, aber er wisse auch genau, was er wolle: «Das wichtigste Kriterium sind nicht die grossen Maschinen. In erster Linie muss das Zwischenmenschliche mit dem Lehrmeister stimmen, weil man wirklich dicht aufeinander lebt und viel Zeit zusammen verbringt.» Das Schnuppern auf dem Betrieb organisiert er in der knapp berechneten Freizeit. Er ist zuversichtlich, dass er den passenden Hof findet – am liebsten im Bereich Ackerbau, dafür würde er auch ins Berner Seeland ziehen.

Text und Fotos: Maren Stotz

Person in kariertem Hemd steht vor einer Holzhütte mit einem Hund.

Berufslehre Landwirt/-in EFZ

Landwirtinnen oder Landwirte produzieren Lebensmittel, arbeiten in der Natur und kümmern sich um Pflanzen und Tiere. Im Zentrum stehen die Arbeitsabläufe im Verlauf der Jahreszeiten: säen und pflanzen, pflegen, ernten und vermarkten. Tierliebe, ökologisches Denken sowie das Interesse für technische Anlagen und Maschinen sind wichtige Voraussetzungen für diesen Beruf. Zusammen mit Livio Nicotera haben im August 2025 gesamtschweizerisch 1380 Lernende die Ausbildung zum/zur Landwirt/-in angefangen, davon 1026 jugendliche Männer. Mit Eintritt in die Ausbildung zum/zur Landwirt/-in EFZ seit August 2026 ist eine Spezialisierung möglich auf eine Produktionsform: Ackerbau, Alp- und Berglandwirtschaft, biologischer Pflanzenbau, Rindviehhaltung, Geflügelhaltung oder Schweinehaltung. Die durchschnittlich 53 Wochenstunden ergeben sich aus der rechtlich für landwirtschaftliche Lehrverhältnisse im Kanton Bern festgelegten Jahresarbeitszeit von 2750 Stunden und tragen dem saisonalen Arbeitsanfall in der Landwirtschaft Rechnung. Entscheidend ist dabei der Jahresausgleich: Die Arbeitszeit ist im Lehrvertrag transparent zu planen, freie Tage und Ferien bleiben gewährleistet, und Überstunden müssen innert drei Monaten durch Freizeit kompensiert werden.