Real Talk an der Schule
NewsPsychische Belastungen bei Kindern und Lehrpersonen nehmen zu. Die Schule als sicherer Ort rückt stärker in den Fokus; Angebote und Kurse dazu sind sehr beliebt. Für Nina Bernoulli ist emotionale Sicherheit die zentrale Voraussetzung für Lernen, Beziehung und eine gesunde Schulkultur. In ihrem Podcast «Real Talk. Wie geht es dir in der Schule?» zeigt sie gelingende Ansätze auf mit inspirierenden Persönlichkeiten als Gäste.

Zur Person
Nina Bernoulli ist seit zwanzig Jahren Grundschullehrerin in Basel-Stadt. Sie ist Achtsamkeits-Trainerin und Resilienz-Coach. In vielen Aus- und Weiterbildungen hat sie den Fokus auf die Stärkung von innerer Stabilität gelegt, Beziehungsfähigkeit und konstruktive Kommunikation im Bildungs- und Lebenskontext. Ihr Herzensthema ist die emotionale Sicherheit. Seit August 2025 betreibt sie den Podcast «Real Talk: Wie geht es dir in der Schule?» mit dem Ziel, dieses Thema sichtbarer zu machen und weiter zu verbreiten. Sie ist Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Basel.
Emotionale Sicherheit ist Ihr Herzensthema, warum?
Wenn Schule aufs Leben vorbereiten soll und wir wollen, dass sich Kinder bestmöglich entwickeln, dann ist emotionale Sicherheit grundlegend. Dazu gehört, dass wir Kinder respektvoll und wohlwollend behandeln und ihre Ideen und Meinungen ernst nehmen. Die Kinder sollen gerne zur Schule gehen.
Warum ist emotionale Sicherheit für Lehrpersonen so wichtig?
Lehrpersonen tragen als Erwachsene die grösste Verantwortung. Gerade deshalb müssen sie auch in herausfordernden Situationen handlungsfähig bleiben. Dafür ist es zentral, dass sie sich emotional sicher fühlen. Die Arbeit als Lehrperson ist anspruchsvoll. Wir müssen auf viele Reize und unterschiedliche Bedürfnisse schnell reagieren. Wenn ich mich emotional sicher fühle, gelingt es mir besser, konstruktiver auf einen Reiz von aussen zu reagieren. Ich kann mein Verhalten bewusster steuern und bleibe handlungsfähig. Darum ist es wichtig, Missstände ehrlich anzuschauen: Was fordert mich gerade? Wie setze ich meine Prioritäten bewusst? Welche Besprechungen sind wichtig und wo braucht es mich vielleicht gar nicht? Genauso wichtig ist die Unterstützung durch die Schulleitung, besonders bei sehr anspruchsvollen Klassen, damit die Verantwortung nicht zum Dauerstress wird.
Welchen Einfluss hat emotionale Sicherheit aufs Lernen?
Wer in der Schule dauerhaft unter Stress steht und sich nicht sicher fühlt, kann das Gelernte nicht nachhaltig verankern. Das Gehirn ist dann im Überlebensmodus und funktioniert im Notfallprogramm. Das Wissen bleibt nicht hängen. Gefühle haben einen enormen Einfluss auf das Lernen. Schulkinder, die sich bei ihren Lehrpersonen wohlführen, lernen besser.
Weniger Störungen dank emotionaler Sicherheit?
Eine tragfähige Beziehung zwischen Lehrperson und Schulkind, in der sich beide gesehen fühlen, führt oft schneller zu Lösungen. Auch wenn wir das Verhalten des Gegenübers nicht kontrollieren können, haben wir Einfluss durch unser eigenes Verhalten. Ich bin überzeugt: Wenn dies in einer positiven, vertrauensvollen Beziehung geschieht, sind die Chancen auf nachhaltige Wirkung am grössten. Das heisst auch, dass Supervision eingeplant wird für Lehrpersonen, damit diese Werkzeuge an die Hand bekommen, um in schwierigen Situationen handlungsfähig und in der inneren Sicherheit zu bleiben.
Wie Supervision einplanen, wenn der Alltag voll ist?
Ich wünsche mir, dass Supervisionsstunden bereits im Studium zur Lehrperson verankert sind. Gerade, weil wir einen sehr herausfordernden Job haben. Es wäre so wichtig, dass bereits in der Ausbildung vermittelt wird, wie man mit Stresssituationen umgehen kann und wie das Team als Unterstützung genutzt werden kann. Auch an der Schule könnte das weiter angeboten werden - und zwar während der Präsenzzeit, sodass es kein zusätzlicher Aufwand ist, sondern fest eingeplant.
Was brauchen die Kinder heute in der Schule?
Ganz klar: mehr Autonomie und Partizipation. Damit meine ich nicht, dass die Kinder machen können, was sie wollen. Sondern dass man sie ernst nimmt und immer wieder einbezieht. Das kann im ganz Kleinen geschehen, wie bei der Wahl eines Buches, oder bei der Entscheidung, wie die Kinder einen Inhalt vor der Klasse vorstellen möchten. Lukas Fehlings stellt in Folge 15 meines Podcasts das Universal Design for Learning (UDL) vor. Das ist ein Konzept, das Vielfalt und unterschiedliche Bedürfnisse in der Schule bewusst einbezieht. Kinder sind motivierter, wenn sie mitentscheiden können. Dies ist nicht unbedingt der einfachere Weg. Dafür braucht es Begleitung, Geduld und Zeit.
Was brauchen Lehrpersonen dafür?
Hätte ich einen Zauberstab würde ich ganz viele Ressourcen herzaubern. Den habe ich leider nicht. Ich denke, wir sollten anfangen, uns stärker zu vernetzen. Wir sollten die vorhandenen Ressourcen anders nutzen und genau hinschauen: Wo braucht es welche Unterstützung - auch über die Klassenteams hinaus. Stefan Ruppaner erzählt in Folge drei meines Podcasts über die Alemannenschule und wie wir voneinander lernen können, wenn wir im Netzwerk zusammenarbeiten. Für solche Ansätze braucht es die Unterstützung der Eltern genauso wie die der Schulleitung. Ebenso zentral sind Strategien zur Selbstregulation und eine Offenheit, über Belastung und mögliche Unterstützung zu sprechen. Mir persönlich hilft dabei die Haltung der Neuen Autorität nach Haim Omer, der ich noch im März eine eigene Podcastfolge widmen werde.
«Real Talk: Wie geht es dir in der Schule?» ist der Titel Ihres Podcasts. Soll damit zur Sprache kommen, worüber an den Schulen zu wenig gesprochen wird?
Real Talk bedeutet: Gespräche über aktuelle Themen, die Kinder, Eltern und Fachpersonen rund um die Schule wirklich beschäftigen. Welche Ansätze gibt es, um die sehr komplexen Anforderungen besser zu meistern? Was brauchen Schülerinnen und Schüler heute, um auf ihre Zukunft vorbereitet zu sein? Real Talk bedeutet für mich auch: hinschauen. Ich habe mir als Kind geschworen, Lehrerin zu werden, weil ich nicht möchte, dass Kinder weiter beschämt, vor die Tür gestellt oder immer wieder angeschrien werden. So etwas darf heute nicht mehr passieren. Und wenn es doch mal passiert, muss ich auf mein Verhalten reagieren, denn als Erwachsene sind wir auch Vorbilder. Wir müssen hinschauen: nicht mit Schuldzuweisungen, sondern mit dem Willen zur Veränderung. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch immer sein Bestes gibt. Alle Gefühle sind richtig, aber nicht jedes Verhalten ist akzeptabel.
In Ihrem Podcast steckt auch Systemkritik, was möchten Sie bewirken?
Die Schule steckt mit den klassischen Tests und Bewertungen noch stark in einem System der Kontrolle und der Blick ist oft defizitorientiert. Damit kommen die Lehrpersonen in ein Dilemma. Sie möchten fördern, integrieren und andere Wege anerkennen, und trotzdem schreiben am Freitag alle den gleichen Test. Das erzeugt Druck und Not. Tests zeigen oft nur, was ein Kind gerade an diesem Tag, in dieser Klasse, mit dieser Lehrperson und in diesem Moment gelernt oder nicht verstanden hat. Danach geht der Unterricht meist weiter, ohne dass die Kinder unterstützt werden, wo sie Lerninhalte noch nicht vollständig verstanden haben. Genau dort ist eine echte Veränderung notwendig. Die Schule muss vermehrt auf Stärken und individuelle Fortschritte der Kinder schauen. Gleichzeitig erkenne ich, dass viele Schulen und Lehrpersonen bereits auf diesem Weg sind. Dies ist wichtig, denn die Welt ist nicht mehr wie vor 100 Jahren. Ich finde, die Schule muss auf diese Veränderungen konstruktiv reagieren.
Ist damit eine gesamtgesellschaftliche Veränderung gemeint?
Kinder stehen heute oft auch in einem Dilemma. Zu Hause werden sie bedürfnisorientiert erzogen und in der Schule lernen sie, dass Pausen für alle festgelegt sind und sie nicht zu oft aufs WC gehen sollen. Damit meine ich nicht, dass Schule alle Bedürfnisse erfüllen muss. Es ist wichtig, dass Kinder lernen, etwas auszuhalten. Dabei brauchen Kinder heute mehr Begleitung als je zuvor. Gleichzeitig sollten Kinder ihren psychischen und körperlichen Grundbedürfnissen nachgehen dürfen. Dazu gehört auch, auf die Toilette zu gehen. Grundbedürfnisse gelten für Kinder und Erwachsene gleichermassen. Es geht nicht um Gleichberechtigung in allen Entscheidungen, sondern um Gleichwertung. Darüber möchte ich in meinem Podcast sprechen.
Wie machen Sie das?
Es geht nicht darum zu sagen, was alles nicht gut ist. Die entscheidende Frage ist vielmehr: Wie nehmen wir die Schülerinnen und Schüler und auch uns selbst als Lehrperson ernst? Ich möchte dazu ermutigen, uns immer wieder ehrlich die Frage zu stellen: Wie geht es dir in der Schule? Im Podcast stelle ich inspirierende Ideen und Konzepte vor, die bereits gelebt werden wie beispielsweise: FREI DAY nach Margaret Rasfeld, das Schulfach ICH, oder die «Ich schaff’s»-Methode nach Ben Furman. Ich lade auch Gäste ein und lasse sie von ihren Erfahrungen berichten. Ich möchte den Fokus auf die Stärken legen und das, was bereits gelingt, wächst und möglich ist.
Woher stammt Ihre Motivation zu diesem Podcast?
Im Verlauf meiner Laufbahn als Lehrerin und in meinen verschiedenen Weiterbildungen hatte ich so viele hoffnungsvolle Gespräche mit inspirierenden Menschen. Ich möchte dieses Wissen und diese Zuversicht weitergeben. Ich habe im Kleinen angefangen und gemerkt, dass das Thema der emotionalen Sicherheit auf viel Interesse stösst. In meinem Podcast kann ich es aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten, mein Herzensthema sichtbarer machen und weiterverbreiten.
Was sind bisherige Learnings aus dem Podcastprojekt?
Ich habe gemerkt, wie viele inspirierende Menschen es gibt, die bereits in diese Richtung arbeiten. Ich habe eine Grosszügigkeit entwickelt gegenüber Eltern, Lehrpersonen, Kindern und mir selbst. Für mich war der Podcast ein grosser Schritt, etwas komplett Neues zu wagen, rauszugehen und spontan zu sprechen. In dieser Rolle als Lernende habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, liebevoll und stärkend mit mir selbst umzugehen. Und wie wichtig positive Rückmeldungen gerade beim Lernen sind.
Welches war die schönste Rückmeldung auf den Podcast?
Mitten in meinem Alltagsstress - nachdem ich unser jüngstes Kind in den Kindergarten gebracht hatte – hat sich eine Frau bei mir bedankt. Sie sagte, dass mein Podcast ihr und ihrer ganzen Familie sehr geholfen hat. Ihr Kind habe es gerade schwer in der Schule und sie habe dank des Podcasts ein gutes Gespräch mit der Lehrerin führen können. Das hat mich zutiefst berührt, weil ich genau das auslösen möchte. Nicht Schuld verteilen. Nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen, weder auf die Lehrpersonen, die Eltern oder das Kind noch auf das System. Sondern, dass wir uns verbinden für unsere Kinder, für uns selbst und für unsere Welt, in der sich gerade so vieles verändert.
Tu Gutes und sprich darüber?
Ja, und erwische dein Gegenüber dabei, wenn es etwas Gutes tut. Denn wer neue Wege beschreitet, braucht ein gutes Team, damit man auf dem unbekannten Pfad bleibt. Ich möchte dazu ermutigen, auf diesem neuen Weg zu bleiben und sich in der Gemeinschaft zu stärken. Das ist meine Vision. Denn Veränderung braucht es auf allen Ebenen – aber auf eine positive Art, damit alle verantwortlichen Menschen in ihre Selbstwirksamkeit kommen.
Interview von Maren Stotz, Foto: Grischa Schwank
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Orientierung und (Selbst-)Kontrolle
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Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
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