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Von Marita zu Marita

News

Marita Schröder ist 93 Jahre alt und arbeitet in der Tagesstruktur St. Johann. Im Basler Schulblatt erzählt sie von ihrer Lehre als Schneiderin und ihrem Neuanfang in der Tagesstruktur mit über 70 Jahren.

Ältere Person mit Brille sitzt am Tisch mit Nähmaschine.
Für die Kinder in der Tagesstruktur St. Johann ist Frau Schröder einfach Marita.

«Während meiner Schulzeit herrschte der Zweite Weltkrieg. Wir hatten viele Lehrpersonenwechsel. Unsere Lehrer sind in den Militärdienst gegangen und wieder zurückgekommen, dann waren sie aber nicht mehr in der gleichen Klasse. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Es war einfach anders als heute. 

Ich hatte eine schöne Schulzeit und gute Kameraden. Ich besuchte das Rosentalschulhaus, das in den 60er-Jahren abgerissen wurde, und das Claraschulhaus. Besonders gerne bin ich in die Handarbeit gegangen. Ich war aber ein sehr scheues Kind. Das ist ein wahnsinniges Handicap, wenn man sich nicht traut. Es hat lange gebraucht, bis ich darüber hinwegkam. Bis in die vierte Klasse hatte ich einen Lehrer, der mich und meine Hemmungen gespürt hat. Er konnte mich ein bisschen aufrütteln, das war sehr wichtig. Eine Lehrperson muss spüren: Was geht in diesem Kind vor? Warum ist das Kind so? Warum war ich schüchtern? Ich weiss es nicht. In der vierten Klasse, da war ich neun Jahre alt, bekam ich Diphtherie und war ein Viertel Jahr im Spital. Mein Lehrer hat mir jede Woche Aufgaben gebracht. Er kam gerne, weil es so viele junge Krankenschwestern gab.

Nach der Schule habe ich mich entschlossen, Schneiderin zu lernen. Das war mein Traum. Als Kind war ich bei einer Tante in Grindelwald zu Besuch und die hatte eine sogenannte Störschneiderin. Das war eine Schneiderin, die ins Haus kam und für meine Tante nähte. Es hat mich fasziniert, dass man selber mit Stoff etwas herstellen kann. Mein Vater hätte sich gefreut, wenn ich seine Autowerkstatt irgendwann übernommen hätte oder zumindest was im kaufmännischen Bereich gemacht hätte, aber da hatte ich nicht so viel Spass daran.

Ich suchte einen Ausbildungsplatz als Schneiderin, gab ein Inserat in der Zeitung auf und bekam sogar Angebote. An drei Orten habe ich mich vorgestellt. Ein Betrieb war mir sympathisch und dort konnte ich bleiben. Ich besuchte auch die Berufsschule, das war damals die Frauenarbeitsschule. Heute heisst sie Berufsfachschule. Dort habe ich gelernt, Schnittmuster zu zeichnen, und verschiedene Techniken entdeckt, die in den Ateliers nicht vermittelt wurden. Irgendwann habe ich die Lehre beendet, Prüfungen gemacht und war glücklich, dass ich bestanden habe.

Mädchen mit Schleife im Haar im Freien.
Marita Schröder an ihrem ersten Schultag in der 2. Primarschulklasse.
© zvg

Nach der Lehre suchte ich eine Stelle. Ich arbeitete eine Weile, bis ich meinen Mann geheiratet habe und zwei Kinder bekam. Als Frau stellte ich mich beruflich hinter meinen Mann und half ihm. Leider ist mein Mann sehr früh gestorben. Mit 56 Jahren bin ich wieder ins Berufsleben eingestiegen. Ich war in Arlesheim als Schneiderin tätig und habe Nähkurse gegeben. Das war eine schöne Zeit mit tollen Begegnungen. Und ich hatte das grosse Glück, dass ich bleiben durfte, bis ich 70 war.

Eine Freundin sagte zu mir: ‹Komm doch zu den Grauen Panthern.› Das ist eine Seniorenorganisation. Ich bin an ein paar Vorträge gegangen, aber da fühlte ich mich nicht wohl. Und dann habe ich erfahren, dass Senioren für die Schule gesucht werden. Das hat mich interessiert. Ich bin zu einem Treffen und da war Tagesstrukturleiter Michael Abächerli. Ich habe ihn angeschaut und er fragte: ‹Kommst du zu mir?› So bin ich vor 15 Jahren in die Tagesstruktur St. Johann gekommen. Zuerst war ich noch sehr unsicher. Mit der Zeit merkt man, was für die Kinder wichtig ist. Ich lerne dazu, ich habe früher nie mit Kindern gearbeitet.

Ich fing an, mit den Kindern zu nähen, hier in der Tagesstruktur. Damals hatten wir noch keine Nähmaschine. Ich habe mit den Kindern von Hand genäht oder gestrickt: einfache Sachen, Sommerhosen oder T-Shirts. 

Es ist mir wichtig, dass die Kinder merken, dass man nicht nur kaufen, wegwerfen und dann wieder kaufen kann, sondern, dass man mit altem Stoff etwas Neues herstellen kann. Wenn Kinder Ideen zum Abändern haben, dann machen wir das miteinander. Zwei Mädchen haben das letzte Mal einen Bären gemacht. Sie wollten den Bären dann noch anziehen, also haben wir ein Oberteil genäht. Und jetzt haben sie gesagt, sie möchten noch ein kleines Kleid machen. Es ist lustig, viele Jungs kommen gerne, bis sie in der dritten Klasse sind, danach kommen sie nicht mehr. Letztens war ein Junge an der Nähmaschine, er musste warten. Dann hat er die ganze Maschine ausgefädelt. Ich habe gedacht, was passiert jetzt? Dann hat er sie wieder eingefädelt. Und wieder ausgefädelt. Und dann wieder eingefädelt. Er wollte es genau wissen. Es war eine Freude, das zu sehen.

Mit den Kindern zusammen Zeit zu verbringen, das bedeutet mir viel. Etwas Besseres kann mir nicht passieren. Von mir können die Kinder lernen, dass ich Geduld habe, ich explodiere nicht. Auch wenn ein Kind einmal etwas frech ist, ich bleibe einfach ruhig, damit komme ich immer besser durch. Die Kinder hier sind ganz verschieden und natürlich multikulti, da merkt man schon Unterschiede. Es gibt die, die sehr anständig sind, und wieder andere, die denken: ‹Das ist ja nur eine Frau.› In letzter Zeit ist das aber weniger so. Alle sind eigentlich immer nett zu mir, das ist nicht selbstverständlich. Ich fühle mich sehr wohl hier. Solange ich spüre, ich kann noch, bin ich gerne hier. Das Wichtige ist, dass wir Freude an den Kindern haben. Freude an den Kindern und Geduld.»

Aufgezeichnet von Nicolas Wolf und Tamara Funck, Foto: Nicolas Wolf

Begegnung der Generationen

«Begegnung der Generationen» ist ein Angebot von Pro Senectute beider Basel in Zusammenarbeit mit den Volksschulen Basel-Stadt. Es richtet sich an ältere, lebenserfahrene Menschen, die an einem ehrenamtlichen Einsatz in Kindergärten, Primar- und Sekundarschulklassen oder Tagesstrukturen interessiert sind, sowie an Lehrerinnen, Lehrer und Leitende von Tagesstrukturen, die mit älteren Menschen arbeiten möchten.