Von Paul zu Herrn Janning
NewsDer Weg von Paul Janning führte über eine kaufmännische Lehre, die Musik und den Zivildienst ins Klassenzimmer. Im Basler Schulblatt erzählt er, welche Menschen ihn auf seinem Weg zum Lehrer geprägt haben und warum Vertrauen für ihn die Grundlage guten Unterrichts ist.

«Wenn ich heute an meine Schulzeit zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an die Lehrerinnen und Lehrer, die mir das Gefühl gaben: Du kannst das schaffen. Sie erklärten verständlich, nahmen sich Zeit und gingen auf mich ein. Es gab hingegen auch die Lehrpersonen, die ihre Autorität nutzten oder Konkurrenz schürten unter den Schülerinnen und Schülern. Das hat bei mir nie dazu geführt, dass ich besser lernen konnte.
Ich bin in einer Kleinstadt namens Schüttorf in Niedersachsen aufgewachsen, in der Nähe eines Waldes und eines Sees und der niederländischen Grenze. Nach der Grundschule besuchte ich die Realschule und wechselte später ans Gymnasium in der nächstgrösseren Stadt. Das war eine völlig andere Welt. Alles war grösser, lauter und städtischer.
Ich war der Erste in meiner Familie, der ans Gymnasium ging. Mein Vater war stolz. Auch er wollte nach dem Krieg ein Notabitur machen. Statt für die Prüfungen zu lernen, half er als gelernter Tischler allerdings dabei, die Kriegsschäden an seinem Gymnasium zu reparieren. Den Abschluss machte er deshalb nie. Umso mehr freute er sich darüber, dass ich diesen Weg gehen konnte.
Besonders wichtig war für mich mein Cousin. Weil ich in Englisch Mühe hatte, gab er mir Nachhilfe. Er konnte die für mich komplizierte Grammatik auf einfache Regeln herunterbrechen und so erklären, dass ich sie verstand. Schritt für Schritt führte er mich ans Ziel. Diese Erfahrung hat mich geprägt.
Ebenso beeindruckte mich mein Deutschlehrer. Er machte Literatur lebendig, spielte Szenen mit uns nach und fieberte mit den Figuren mit. Das hat uns mitgerissen. Plötzlich hatten Texte aus dem 17. und 18. Jahrhundert etwas mit unserem eigenen Leben zu tun. Er hat mir damit einen Schatz mitgegeben, den ich bis heute in mir trage. Seit dieser Zeit lese ich leidenschaftlich gern.
Nach dem Abitur begann ich eine kaufmännische Lehre. Nicht, weil das mein Traum war, sondern weil ich die Möglichkeiten nach der Schule einfach nicht kannte. Ein Studium oder eine Zeit im Ausland verbringen kam mir deshalb nicht in den Sinn. Erst während der Lehre merkte ich, dass ein Bürojob mit Zahlen und Buchhaltung einfach nicht zu mir passte.
Während der Lehre spielte ich in verschiedenen Bands. So lernte ich Studierende aus dem Ruhrgebiet kennen. Sie studierten oder hatten ganz andere Vorstellungen von ihren Lebenswegen. Das hat meinen Horizont enorm erweitert. Im Zivildienst arbeitete ich dann erstmals im sozialen Bereich. Dort wurde mir endgültig bewusst, dass ich meinen Platz nicht im Büro, sondern im Umgang mit Menschen sehe.
Ich begann in Münster mein Lehramtstudium in den Fächern Niederländisch und Geografie. Das war die erste entscheidende Weiche auf meinem Weg zum Lehrer. Damals kam die Praxis allerdings erst gegen Ende der Ausbildung. Lehramtsstudierende sammeln inzwischen viel früher Erfahrungen in der Schule. Das finde ich sinnvoll, denn unterrichten lernt man vor allem in der Schule.
Seit 2013 unterrichte ich an einer Stadtteilschule in Hamburg. Als ich dort anfing, dachte ich, ich hätte schon vieles erlebt. Doch die Arbeit an dieser Schule hat meinen Blick noch einmal erweitert. Die Kinder und Jugendlichen bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit – schwierige Familienverhältnisse, Fluchterfahrungen oder sprachliche Hürden. Dadurch habe ich gelernt, genauer hinzuschauen und mich zu fragen, warum ein Kind so handelt, wie es handelt. Denn hinter einem Verhalten steckt oft eine Geschichte. Bei uns arbeiten Sozialpädagoginnen und Heilpädagogen eng mit den Lehrkräften zusammen. Diese Zusammenarbeit musste sich zunächst entwickeln. Mittlerweile funktioniert sie sehr gut – und ist für unsere Schule unverzichtbar. Viele Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam bewältigen.
Heute versuche ich, genau der Lehrer zu sein, den ich als Schüler selbst gebraucht habe. Jemand, der Geduld hat, Vertrauen schenkt und den Kindern den Stoff so erklärt, dass die Kinder ihn verstehen und merken: Ich kann das. Natürlich halte ich auch einmal eine Standpauke. Aber ich möchte niemanden einschüchtern, sondern zum Nachdenken bringen. Ein gutes Klassenklima entsteht nicht durch Angst, sondern durch Vertrauen.
An meinem Beruf gefällt mir, dass kein Tag wie der andere ist. Die Schülerinnen und Schüler überraschen mich immer wieder. Oft entstehen völlig unerwartete Situationen, über die wir gemeinsam lachen können. Diese kleinen Momente machen den Schulalltag lebendig. Genau deshalb gehe ich jeden Morgen gern zur Arbeit.
Wenn mir nach einem langen Schultag der Kopf brummt, setze ich mich in der Aula ans Klavier. Das begleitet mich seit meiner Kindheit. Zu Hause stand ein altes, kaputtes Klavier. Obwohl das Geld knapp war, machten es meine Eltern möglich, dass ich Unterricht nehmen konnte. Nach der Schule warf ich jeweils meinen Ranzen in die Ecke und setzte ich mich sofort ans Klavier. Daran hat sich wenig geändert.
Am wichtigsten ist mir, den Jugendlichen zu zeigen, dass ihnen die Welt offensteht. Gerade jene, die mehrere Sprachen sprechen oder internationale Wurzeln haben, bringen einen grossen Schatz mit. Manche sprechen mit zwölf Jahren bereits drei oder vier Sprachen. Wenn sie diese Fähigkeiten erkennen und nutzen, können sie ihren eigenen Weg gehen. Vielleicht ist das die wichtigste Aufgabe einer Lehrkraft: jungen Menschen zu zeigen, was in ihnen steckt. Und ihnen dabei das gleiche Gefühl zu geben, das mich selbst geprägt hat: Du kannst das schaffen.»
Aufgezeichnet von Sandra Eichenberger, Foto: zVg
Gemeinsam Lernen an der Stadtteilschule
Hamburg kennt neben dem Gymnasium als weiterführende Schule die Stadtteilschule für alle Schülerinnen und Schüler. Sie verfolgt den Grundgedanken des gemeinsamen Lernens: Jugendliche mit unterschiedlichen schulischen Voraussetzungen lernen länger gemeinsam und werden individuell gefördert. Je nach Schule können unterschiedliche Bildungsabschlüsse erworben werden.
Paul Janning unterrichtet an einer Stadtteilschule in Hamburg mit niedrigem Sozialindex. Die Schülerinnen und Schüler bringen sehr unterschiedliche biografische, soziale, sprachliche und schulische Voraussetzungen mit. Um sie angemessen zu begleiten und zu fördern, arbeiten Lehrkräfte eng mit der Sozial- und Sonderpädagogik zusammen.