Von Samuel zu Herrn Kunz
NewsSamuel Kunz ist Klassenlehrer an der Sekundarschule Gartenstrasse. Im Basler Schulblatt erzählt er von den vielen Neuanfängen in seinem Leben und wie sich damit der Begriff «genug» mit Bedeutung gefüllt hat.

«Meine eigene Schulzeit ist nicht der Grund, warum ich Lehrer geworden bin. Eher bin ich trotz der Schule Lehrer geworden. Als Kind habe ich mich nicht gross an der Schule orientiert, ich war neugierig und habe selten gelernt. Die Eltern waren zufrieden, solange die Noten irgendwie stimmten. Es war nicht ein riesiges Tamtam, wenn man einen Einer geschrieben hat. Dann musste man halt schauen, dass es besser wird.
Ich habe früher von einer grossen Freiheit profitiert, auch im Schulalltag. Das würde ich meinen Schülerinnen und Schülern heute wieder mehr wünschen. Man kann fast nichts mehr machen, ohne dass man beobachtet wird. Auch zu Hause war alles in Ordnung, solange ich zum Zmittag und Znacht anwesend war. Ich musste keine Rechenschaft ablegen darüber, was dazwischen passierte. Es war eine tiefe Vertrauensbasis vorhanden. Klar, es wurde geschaut, dass man gewisse Orte und soziale Gruppen meidet, aber sonst habe ich gemacht, was ich wollte.
Ich bin als Freigeist gross geworden, habe Basel bald verlassen und bin an die ETH. Erst wollte ich Bauingenieur werden, merkte aber schnell, dass das bisschen Mathe aus dem Humanistischen Gymnasium nicht reichte. Die höhere Mathematik habe ich mir selbst beigebracht. Da mich die Umgebung von Gebäuden mehr interessierte als die Architektur, wechselte ich zu Agrarwissenschaft. Ich war mir in meiner Entscheidung aber nicht sicher. Auch das Lehramt hatte ich als Idee im Kopf. In dieser Orientierungsphase habe ich versucht herauszufinden, wo ich hinpasse. Dabei haben mich die Worte einer alten Frau aus den Bergen geprägt, die ich als Kind schon kannte: ‹Du musst zu den Leuten, die dieselben Hände haben wie du – und bleiben, egal was die machen.› Also habe ich mir die Hände der Bauingenieure genau angeschaut, die sich von den meinen unterschieden hatten, und bin bei den Agronomen mit denselben Händen geblieben. Ganz einfach.
Bei einem Praktikum auf einem Bauernhof habe ich gelernt, was ‹genug› heisst. ‹Mach’, bis genug ist.› Dieser Begriff hat sich langsam mit Sinn gefüllt, obwohl er völlig schwammig ist. Diese Einstellung hat mich geprägt und auch beim Start vieler neuer Dinge begleitet – bis heute. Auch als Lehrer hilft sie mir, weil man nach den Vorgaben der Pädagogischen Hochschulen ja ständig ein schlechtes Gewissen haben müsste, nicht genug zu tun. Ich hatte wertvolle Unterstützung von meinen Praxislehrpersonen und bis heute überlege ich für mich: Macht Sinn, was im Lehrplan steht? Geh ich darüber hinaus? Womit kann ich was kombinieren?
Gegen Ende des ETH-Studiums habe ich mit vier Kommilitonen unsere erste Firma gegründet, die es heute noch gibt. Nach dem Diplom startete ich erneut eine eigene Firma für Webdesign und Organisation. Das lief gut, bis ein Partner das Konto räumte und verschwand. Also habe ich wieder bei null angefangen. Diesmal wollte ich meine künstlerische Ader ausleben. Um als Künstler tätig zu sein, musste ich nebenher 40 Prozent für meinen Unterhalt arbeiten. Ich habe damals in WGs gewohnt und den 80er-Groove voll ausgetestet. Über einen Bürojob kam ich tiefer in die Verwaltung und habe dann den Stadtladen aufgebaut. Ich weiss nicht, ob sich noch jemand an den erinnert, der wurde dann nach ein paar Jahren wieder geschlossen. Bei den Einwohnerdiensten als Projektleiter in der EDV-Programmierschiene ist mir dann das Hirn eingeschlafen. Und so kam die Idee des Unterrichtens zurück und ich machte meine ersten Erfahrungen als Stellvertreter. Ich habe also noch die ganze Pädagogische Hochschule gemacht und mich zum Lehrer der Sekundarstufe I ausbilden lassen. Dank der ETH-Grundlage kann ich nun viele Fächer fundiert unterrichten. Die Vernetzung der Inhalte ist das, was mich wirklich interessiert.
Nach der PH kam Harmos und damit für frischausgebildete Lehrkräfte die Schwierigkeit, eine Stelle zu finden. Für mich und meine Familie war klar, dass wir wegziehen müssen. Wir dachten: wenn schon weg, dann richtig. Ich hatte ein Bewerbungsgespräch in einer Schweizer Schule in Thailand. Wir haben uns aber auch wegen unserer Tochter für London entschieden. Leider war London auf drei Jahre befristet, weil der Bund den Rotstift angesetzt hat. Wir hätten für die Hälfte des Lohns bleiben können, was für uns ein zu grosses finanzielles Abenteuer gewesen wäre. Und so sind wir zurück in die Schweiz gezogen. Nach einem unbefriedigenden Job im Aargau bin ich bei einer internationalen Privatschule in der Innerschweiz gelandet, die ich jetzt als Letztes verlassen habe für die Sek Gartenstrasse hier in Basel. Meine Frau hatte eine schlaue Stelle in Basel gefunden und ich wollte nachkommen, sobald der coole Job kommt. Und der ist jetzt da.
Wir bauen eine Schule von null auf, das entspricht mir, weil ich gerne Neues anfange. Eine Neugründung einer öffentlichen Schule ist selten, und täglich stellen sich Fragen: Was ist genug? Was macht Sinn? Was erledigen wir heute, was verschieben wir auf morgen? Alles auf einmal ist nicht möglich. Jetzt bin ich mit den Schülerinnen und Schülern hier. Und es geht mir gut. Es ist ein kostbares Gut, als Lehrer mit den jungen Menschen versuchen zu verstehen, wie die Welt funktioniert und wie der Mensch sie sieht – und ihnen zeigen zu können, was es sonst noch gibt.»
Aufgezeichnet von Nicolas Wolf und Maren Stotz, Foto: Nicolas Wolf