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Weniger Druck beim Übertritt

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Seit diesem Schuljahr gibt es in der 6. Klasse der Primarschule nur noch ein Jahreszeugnis. Die Reform soll den Druck rund um den Übertritt in die Sekundarschule reduzieren. Erste Erfahrungen an der Primarschule Gotthelf zeigen: Die längere Beurteilungsphase verändert den Übertritt positiv.

Ein Mann und ein Kind arbeiten an einem Tisch mit Werkzeugen.
Primarlehrer Tizian Reist hilft einer Schülerin im Technischen Gestalten.

Jan sitzt im Werkraum der Primarschule Gotthelf und schleift an einem kleinen Holzboot. Neben ihm arbeiten seine Klassenkameraden an Treibschalen und Booten. Es ist ein Montagnachmittag Ende April, kurz nach 14 Uhr. Prüfungen gibt es keine mehr. Die Zeugnisse wurden letzte Woche verteilt. «Ich gehe ein bisschen lieber in die Schule seit Notenschluss», sagt der 12-Jährige und lächelt. «Es ist viel entspannter.» Welchen Leistungszug er in der Sekundarschule besuchen wird, weiss er inzwischen schon. Welche Schule es wird, noch nicht.

Bisher erhielten die Schülerinnen und Schüler in der 6. Klasse zwei Semesterzeugnisse. Das erste Zeugnis im Januar entschied über den Leistungszug in der Sekundarschule. Wer das gewünschte Niveau erreicht hatte, musste dieses bis im Sommer bestätigen. Verbessern konnte man sich nicht – verschlechtern dagegen schon. «Das hat extrem viel Druck gemacht», sagt Klassenlehrer Tizian Reist. «Kinder waren gestresst, Eltern haben reklamiert und wir Lehrpersonen konnten oft nicht dahinterstehen.» Als die Jahrespromotion vor zwei Jahren angekündigt wurde, sei die Freude an der Primarschule Gotthelf gross gewesen, erinnert sich Schulleiterin Claudia Stern. «Wir haben uns sehr gefreut, dass die Jahrespromotion kommt», sagt sie. Viele Lehrpersonen hätten die Änderung als Entlastung erlebt. «Solange Noten entscheidend bleiben für den Übertritt, ist ein Jahreszeugnis die beste Lösung.»

Heute läuft der Übertritt anders. Im Winter gibt es weiterhin Standortgespräche und eine Einschätzung zum Leistungsstand. Das Zeugnis folgt erst nach den Osterferien. Die Leistungen werden über einen längeren Zeitraum beurteilt. «Kinder haben jetzt mehr Möglichkeiten zu zeigen, was sie können», sagt Reist. Für ihn ist die Veränderung spürbar. «Ich empfinde eine Entlastung bei den Schülerinnen und Schülern, bei den Eltern und bei den Lehrpersonen.» Rund um den Übertritt habe es früher oft Spannungen gegeben. «Jetzt gibt es weniger Reibung zwischen Eltern, Kindern und Lehrpersonen.»

Person in dunklem Blazer unterhält sich mit zwei Kindern.
Melanie Saracevic unterrichtet eine 6. Klasse an der Primarschule Gotthelf.

Nach dem Notenschluss
Auch Melanie Saracevic unterrichtet eine 6. Klasse und erlebt die neue Situation positiv. An diesem Nachmittag arbeiten die Kinder im Deutschunterricht an Übungen zu den vier Fällen. Gemeinsam mit einer qualifizierten Klassenassistenz geht die Lehrerin durchs Klassenzimmer. Vor allem die Kinder hätten von der Jahrespromotion profitiert, sagt Saracevic, die selbst die Primarschule Gotthelf besuchte. «Gewisse haben sich sehr stark auf Noten konzentriert.» Die Standortgespräche fanden wie bisher im Dezember und Januar statt. Danach blieb den Kindern noch Zeit, sich zu verbessern. «Ich hatte mehr als genug Lernzielkontrollen gemacht. So konnten sie immer wieder zeigen, was sie können.»

Auch ihr Unterricht habe sich verändert. «Für mich war es viel angenehmer, weil ich Themen über längere Zeit setzen konnte», sagt sie. Gerade in Mathematik oder NMG habe man Themen besser vertiefen können. Nach dem Notenschluss bleibe zudem mehr Zeit für anderes. Workshops, Ausflüge oder Projekte hätten nun mehr Platz. Auch Tizian Reist erlebt diese Phase positiv. «In dieser Zeit, in der die Kinder weniger Prüfungsdruck haben, kann man sich stärker auf kompetenzorientierten Unterricht konzentrieren und individueller auf die einzelnen Kinder eingehen», sagt er. Nicht jede Entwicklung müsse direkt mit einer Note gemessen werden. Die Kinder seien aber gut auf diese Zeit vorbereitet worden. «Sie wissen, dass wir weiterhin Schule haben», sagt Saracevic. Es gebe Zeit zum Repetieren und Vorbereiten auf die Sekundarschule. Rückmeldungen blieben trotzdem wichtig, auch wenn die Noten vorübergehend wegfallen. Viele Kinder wollten weiterhin wissen, wo sie stehen. «Man muss mehr Gespräche mit den Kindern führen, damit sie Teil vom Prozess bleiben», sagt Saracevic.

Sophie arbeitet derweil an ihrem Arbeitsblatt. Als sie nach dem Druck gefragt wird, überlegt sie kurz. Eine klare Antwort findet sie nicht. «Manchmal hatten wir viele Tests, dann eine Pause und dann wieder viele», sagt sie und setzt den Stift wieder aufs Blatt.

Der Übertritt verändert sich
Die Jahrespromotion wird unterschiedlich erlebt. «Die Phase vor Weihnachten habe ich nicht weniger stressig erlebt», sagt Klassenlehrer Tizian Reist. Die Schülerinnen und Schüler wissen genau, dass diese Leistungen für den Übertritt zählen. «Kinder vergleichen sich stark und wollen nicht enttäuschen.» Jan erinnert sich dagegen vor allem an die Zeit vor dem Notenschluss: «Vor dem Notenschluss war es sehr stressig. Wir hatten Prüfungen in allen Fächern.» Jetzt sei vieles lockerer geworden. Veronika Orasch von den Volksschulen Basel-Stadt hat die Einführung der Jahrespromotion begleitet. Sie sagt, vieles hänge davon ab, wie Kinder die Situation erleben. «Die Frage ist, ob der Druck wirklich kleiner wird oder ob er sich einfach verschiebt.» Wie stark Kinder Druck empfinden, sei sehr unterschiedlich. Eine abschliessende Bilanz ist noch zu früh. Erste Erfahrungen zeigen aber: Die längere Beurteilungsphase verändert den Übertritt. Kinder haben Zeit, ihre Leistungen zu zeigen und sich zu verbessern. Statt zwei Semesterzeugnissen zählt neu ein Jahreszeugnis. Viele erleben die Zeit rund um den Übertritt dadurch entspannter.

Text und Fotos: Tamara Funck