FAQ und Erkenntnisse aus der Praxis
Antworten auf häufig gestellte Fragen rund um sprachbewusste Schule und sprachbewussten Unterricht (SBU) und hilfreiche Erkenntnisse aus der praktischen Umsetzung.
FAQ: häufig gestellte Fragen
Hier finden Sie Antworten auf häufig gestellte Fragen.
Im sprachbewussten Unterricht wird Sprache bewusst als Mittel des Denkens und Kommunizierens eingesetzt, um fachliches und sprachliches Lernen zu verknüpfen. Lehrpersonen setzen sich mit den sprachlichen Anforderungen auseinander, die ihr Unterricht voraussetzt und berücksichtigen diese bei ihrer Unterrichtsplanung.
Der Aufbau von Sprachkenntnissen geschieht in allen Fächer, beispielsweise indem der Unterricht
- Lese- und Schreibprozesse didaktisch sorgfältig begleitet und anleitet, damit alle Schülerinnen und Schüler möglichst eigenständig mit Texten lernen können.
- dazu beiträgt, dass alle Schülerinnen und Schüler die für das Lernen nötigen sprachlichen Mittel aufbauen können.
- für Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) oder für sprachschwächere Kinder und Jugendliche Lernprozesse sprachlich gezielt vorbereitet.
- unnötige sprachliche Hürden abbaut und Texte allenfalls vereinfacht.
Sprachbewusstes Unterrichten bedeutet explizit nicht, dass Fachtexte ohne Fachsprache auskommen sollen oder über die Massen simplifiziert werden. Nur wer mit Fachsprache in Kontakt kommt, kann die zum Fach gehörende Sprache erlernen und so Fortschritte machen.
Damit Schülerinnen und Schüler fachliche Inhalte besser lernen, verstehen und ihr Wissen wiedergeben können.
Die PISA-Erhebungen haben gezeigt, dass zwischen den von den Lehrpersonen vorausgesetzten und den tatsächlich bei den Schülerinnen und Schülern vorhandenen Sprachkompetenzen, eine grosse Diskrepanz besteht. Viele Schülerinnen und Schüler sind beispielsweise nicht in der Lage, die für sie verfassten Schulbuchtexte zu verstehen. Fehlen die sprachlichen Voraussetzungen, können Schülerinnen und Schüler dem Unterricht nicht folgen und das Lernen wird erschwert oder verunmöglicht.
Da sich die Fächer hinsichtlich ihres Sprachgebrauchs deutlich unterscheiden, müssen die jeweiligen Sprachkompetenzen im Fachunterricht erworben werden und können nicht an den Deutsch- oder DaZ-Unterricht delegiert werden.
Der Lehrplan 21 verlangt in allen Fachbereichen auch sprachliche Kompetenzen: Schülerinnen und Schüler müssen reflektieren, Erkenntnisse beschreiben und sich darüber austauschen können, sie sollen erklären, begründen, diskutieren und analysieren. Fehlt das fachspezifische Sprachwissen, ist dies nicht möglich.
Den eigenen Unterricht sprachbewusst zu gestalten erfordert ein Umdenken und ist anfangs ein Mehraufwand. Dieser reduziert sich, je mehr Übung man hat, und lohnt sich, weil er Schülerinnen und Schülern, aber auch den Lehrpersonen Erfolgserlebnisse ermöglicht, denn das fachliche Lernen wird so gefördert und gestärkt.
Es hilft, wenn man sich gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen dem Thema annimmt, damit sich der Aufwand auf mehrere Schultern verteilt.
- Lehrpersonen können Unterrichtssequenzen sprachbewusst gestalten, indem sie etwa strukturierte Lese- und Schreibaufträge erteilen und dort beispielsweise Formulierungshilfen anbieten (hier liefert die Broschüre «Sprachbewusst unterrichten» Hinweise)
- Pädagogische Teams können sprachbewussten Unterricht fördern, indem sie absprechen, wer wann welche sprachlichen Kompetenzen gezielt behandelt (hier helfen die Deskriptoren aus den «Sprachprofilen»).
- Fachgruppen können gemeinsam sprachbewusste Aufgaben in ihren Fächern entwickeln.
- Mitarbeitende der Tagesstruktur können in Alltagsgesprächen oder bei der Aufgabenhilfe das sprachliche Lernen der Schülerinnen und Schüler begleiten.
- Die Schulleitung kann dem Thema Gewicht geben und Entwicklungsprozesse unterstützen. Zudem schafft sie förderliche Rahmenbedingungen, indem sie motiviert, Strukturen klärt und Ressourcen gezielt einsetzt.
Unterrichtshilfe für den Fachunterricht
Broschüre «Sprachprofile für die Volksschulen» der PH FHNW (Startet einen Download)Materialien und Konzepte zur Förderungen eines sprachbewussten Fachunterrichts
SBU als SchulentwicklungsthemaHier finden Schulleitungen Informationen zu Akteurinnen und Akteuren, Ressourcen und Umsetzungselementen, die auf dem Weg zu einer sprachbewussten Schule unterstützen.
Sprachliche Aspekte werden dann bewertet, wenn sie in direktem Zusammenhang mit der fachlichen Kompetenz stehen und zum Beispiel wegen sprachlicher Defizite fachliche Inhalte nicht korrekt wiedergegeben werden.
Rechtschreibung: Rechtschreibe- und Grammatikfehler, die nicht in Zusammenhang mit der Fachsprache stehen, können zwar in angemessener Weise korrigiert werden (eventuell in Absprache mit der Deutsch- oder DaZ-Lehrperson), sollten aber nicht bewertet werden. Das wäre eine Vermischung von Fach- und Sprachnote, was nicht die Idee von sprachbewusstem Unterricht ist.
Die korrekte Schreibweise von Fachbegriffen, die vorgängig im Unterricht erarbeitet worden sind, kann in die Bewertung einfliessen. Dabei sollte das Niveau der Schülerin oder des Schülers berücksichtigt werden.
Die notwendigen sprachlichen Mittel für die Bewältigung einer Aufgabe in einer summativen Leistungserhebung (z. B. Wortschatz, fachspezifische Sprachhandlungselemente, Fachbegriffe) werden in ausreichendem Mass und mittels geeigneten Aufgabenstellungen im Unterricht erarbeitet.
Wurden die fachsprachlichen Elemente vorgängig im Unterricht vermittelt, werden in der summativen Leistungserhebung grundsätzlich keine Scaffolds mehr angeboten (z. B. in Form von Formulierungshilfen oder Fachwortschatz). Die summative Leistungserhebung ist vielmehr auch für den fachsprachlichen Bereich der geeignete Ort, um das Gelernte zu überprüfen. Allenfalls kann das Niveau in einer Leistungserhebung differenziert werden, indem fachsprachliche Scaffolds angeboten werden oder eben nicht.
Die Herausforderungen bei der diversitätsorientierten Sprachförderung (DOS) und dem Unterricht in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) sind vergleichbar mit den Herausforderungen im Fremdsprachenunterricht oder im bilingualen Sachfachunterricht. In allen Fällen ist ein bewusstes Herangehen an die Sprache eine Grundvoraussetzung, um die fachlichen Inhalte erfolgreich transportieren zu können und die Schülerinnen und Schüler sprachlich weiterzubringen.
Die Methoden des sprachbewussten Unterrichts für den DaZ-Unterricht unterscheiden sich nicht grundsätzlich vom schulsprachlichen Regelunterricht, daher gibt es keinen separaten Menupunkt für DaZ.
Der Bereich «SBU als Schulentwicklungsthema» beschreibt, wer auf dem Weg zur sprachbewussten Schule mit welchen Aufgaben beteiligt ist und welche inhaltlichen und zeitlichen Ressourcen zur Verfügung stehen (sollten), damit eine Umsetzung an der Schule gelingen kann.
Erkenntnisse aus drei Jahren SBU
Im Rahmen eines World-Cafés und einer Gesprächsrunde im Jahr 2022 haben Schulleitende, Lehrpersonen, Mitarbeitende der Tagesstrukturen sowie weitere Fachpersonen ihre praktischen Erfahrungen mit SBU geteilt. Hier finden Sie die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst und mit Literatur und Links ergänzt.
Wie befähigen wir Schülerinnen und Schüler dazu, die ihnen gestellten Aufgaben zu bewältigen? Bildungssprache besteht aus komplexen, eher längeren Sätzen und ist wenig fehlertolerant. Das unterscheidet sie von der Alltagssprache und überfordert manche Schülerinnen und Schüler. Partizipation ermöglichen heisst aber gerade nicht, Fach- und Bildungssprache zu vermeiden, sondern bedeutet vielmehr, Hilfestellungen für deren Erwerb anzubieten. So lernen die Schülerinnen und Schüler, komplexe Fachinhalte nicht nur kognitiv zu durchdringen, sondern auch selbständig zu formulieren.
Die Motivation der Schülerinnen und Schüler ist gross, wenn sie eine Projektarbeit durchführen dürfen. Wo sind dabei sprachliche Hürden, für die es gezielte Hilfestellungen braucht? Wenn Lehrpersonen versuchen, bereits in der Vorbereitung mögliche Wege und Ergebnisse vorausschauend mitzudenken, können sie potenzielle sprachliche Schwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler erkennen und ihnen entsprechende Unterstützung anbieten.
Mit dem ersten Schritt ins Klassenzimmer beginnt die Kommunikation zwischen Lehrperson und Klasse. Dabei ist die verbale Kommunikation nur ein Teilbereich. Ob die Kommunikation gelingt, hängt von weiteren Faktoren ab: Mimik, Körpersprache, Lautstärke, Deutlichkeit. Auch das gehört zum sprachbewussten Unterricht, denn im Kern geht es darum, welche sprachlichen Mittel ich wähle, um die (Fach-)Inhalte zu vermitteln. Lehr- und Fachpersonen sollten ihre Aufmerksamkeit stets auf alle diese Elemente richten, denn sie kommunizieren, solange sie mit den Schülerinnen und Schülern in Kontakt sind – ob sie es wollen oder nicht.
Teacher Talk findet verbal und nonverbal statt und ist ein zentrales Mittel der Unterrichtsgestaltung. Auf der Website der Ludwig-Maximilians-Universität München lassen sich in einem Film viele praktische Informationen zum Teacher Talk finden. Ausserdem laden Unterrichtssequenzen aus dem Schulalltag zur Reflexion ein.
«Lehrersprache im Grundschulunterricht» (Link zum Katalog der Bibliothek PZ.BS)Das Buch richtet sich an Lehrpersonen und bietet Trainingsbausteine für eine wirksame verbale und nonverbale Kommunikation in der 1. bis 4. Klasse. Auf der dazugehörigen DVD gibt es Übungssequenzen zu typischen kommunikativen Unterrichtssituationen.
«Lehrersprache und Gesprächsführung» (Link zum Katalog der Bibliothek PZ.BS)Mit konkreten Umsetzungstipps und Materialien legen die Autorinnen dar, wie die Lehrpersonen die Schüler/innen durch gezielte Unterstützungstechniken im verbalen Bereich fördern können. Der sprachbewusste Fachunterricht ist dabei nur eines von vielen Themen. Zudem nehmen sie die para- und non-verbalen Anteile der Kommunikation, die meistens unbewusst ablaufen (Sprachmelodie, Lautstärke, Gestik, Mimik, etc.) genau in den Blick und ermuntern die Lehrpersonen, sich selbst und gegenseitig zu beobachten.
In Resonanz zu sein mit der eigenen Klasse bedeutet, mehrdimensional eine Beziehung aufzubauen – über Energie und Klang der Stimme, Wortwahl und Satzstruktur – und somit aktiv eine Führungsrolle zu übernehmen. Der bewusste Einsatz von Sprache trägt wesentlich zur Entstehung von Resonanz und einem positiven Lernklima bei.
Passivkonstruktionen, Substantivierungen, komplizierte Grafiken oder im Vergleich zur Alltagssprache veränderte Wortbedeutungen: Fachtexte enthalten Eigenheiten, die für Schülerinnen und Schüler zum Teil schwer zu entschlüsseln sind.
Es ist keine Lösung, Fachtexte möglichst auf Alltagssprache herunterzubrechen. Vielmehr benötigen Schülerinnen und Schüler ein Gerüst von Hilfsmitteln und Strategien, sogenannte Scaffolds, die ihnen helfen, einen Fachtext zu strukturieren und zu verstehen.
Das «Fachdingsda» eignet sich als Diskussionsgrundlage, um sich im Kollegium auf einen gemeinsamen, für alle verbindlichen Fachwortschatz zu einigen. Dieser legt den Grundstein für den sprachbewussten Fachunterricht am Standort.
Der Pool des Mercator-Instituts bietet sprachbewusste Methoden, die Schülerinnen und Schüler beim Entschlüsseln von Fachtexten unterstützen.
Fachdingsda (Link zum Katalog der Bibliothek PZ.BS)Aus dem fächerorientierten Grundwortschatz für das 5.–9. Schuljahr können Lehrpersonen/Teams einen verbindlichen Fachwortschatz zusammenstellen.
Auch begabte Schülerinnen und Schüler können ihr Potenzial nicht immer voll ausschöpfen, wenn passende sprachliche Unterstützungselemente fehlen. Das verbindliche und aufbauende Einführen von sprachfördernden Lernstrategien wie Mindmapping, Führen eines Lernjournals oder auch Portfolioarbeit fördert das selbständige Arbeiten und eröffnet ihnen Wege, um die vorgegebenen Lernziele mit eigenen Ideen anzureichern. Stärken wir alle Schülerinnen und Schüler auf diesem Weg, entspricht das in einem umfassenden Sinn dem Gedanken der integrativen Schule.
Es ist einfacher, sprachbewussten Unterricht an einer Schule erfolgreich umzusetzen, wenn sich Lehrpersonen gegenseitig unterstützen. Sei es bei der Festlegung von fachspezifischen Schwerpunkten, beim Erarbeiten eines gemeinsamen Fachwortschatzes und nicht zuletzt auch mit gegenseitigen Unterrichtsbesuchen und kollegialem Feedback. So können sie mit der Unterstützung der Schulleitung ein starkes Netz im Team knüpfen, ein Netz, das trägt – nicht nur für den sprachbewussten Unterricht. Um kollegiales Feedback zu vereinfachen, gibt es stufenspezifische Checklisten mit Beobachtungsrastern, die auch als Selbsteinschätzung in Bezug auf SBU dienen können.
In einer Gesprächsrunde erwähnten einige Lehrpersonen, dass sie im Unterricht bisweilen auf Dialekt zurückgreifen, wenn sie den Eindruck haben, dass die Schülerinnen und Schüler sprachlich mit einem Fachinhalt Mühe haben. Was passiert bei einer Erklärung auf Dialekt? Wahrscheinlich werden komplexe Begriffe oder Vorgänge umschreibender, ausführlicher und damit nachvollziehbarer dargelegt. Das ist auch in der Standardsprache möglich, handelt es sich doch dabei um klassisches Scaffolding, also um eine sprachbewusste Hilfestellung.
Abgesehen davon, dass an der Primarschule und der Sekundarschule im Unterricht ausschliesslich Standardsprache verwendet werden muss, ist es auch sonst unerlässlich, dass solche Hilfestellungen nicht in Dialekt erfolgen. Verwendet die Lehrperson Dialekt, werden die Schülerinnen und Schüler dahingehend konditioniert, dass sie besser verstehen, wenn etwas in Dialekt erklärt wird. Zielführender wäre, dass sie die Erfahrung machen, dass Schul-, Bildungs- und Fachsprache verständlich ist und – richtig eingesetzt – die Kommunikation oft sogar erleichtert.
Wie kann in der multikulturellen und altersdurchmischten Vielfalt einer Tagesstruktur die Verständigung erleichtert und gefördert werden? Der Tagesstrukturalltag ist durch und durch von Sprache begleitet. Beim gemeinsamen Mittagessen, im freien Spiel, bei Ausflügen sowie bei der Lernbegleitung sind die Mitarbeitenden der Tagesstruktur wichtige Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Sie vermitteln somit neben Bildungssprache auch eine Alltagssprache, die den Schülerinnen und Schülern hilft, sich wohlzufühlen und Freundschaften zu pflegen.
Auch beim Raum gibt es Gestaltungsprinzipien, die dem Raum eine Sprache geben, die alle verstehen können: Einfache Symbole schaffen Orientierung und ein Umfeld, das gleichermassen Anregung und Wohlbefinden bietet, wirkt unterstützend. Das Buch «Förderung exekutiver Funktionen durch Raumgestaltung» liefert dazu wertvolle Beispiele. Idealerweise werden sprachliche Hilfestellungen, sei es für die Bildungs-, die Alltags- oder die Raumsprache, von Lehr- und Fachpersonen gemeinsam entwickelt, damit sich die Schülerinnen und Schüler im gesamten Lern- und Lebensraum zurechtfinden können.
«Die sprachbewusste Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten ist bei uns eine Selbstverständlichkeit ». Wäre es nicht schön, diesen Satz in einem Schulleitbild zu lesen? Eine wohlwollende Atmosphäre hängt stark vom bewussten Gebrauch der Sprache ab. Manchmal ist es nur ein kleines Wort, das eine Aussage massgeblich verändert: «Ihr Kind hat die Aufgabe nicht verstanden» oder «Ihr Kind hat die Aufgabe noch nicht verstanden» – nur vier Buchstaben, doch der Unterschied ist riesig. Es benötigt grosse Aufmerksamkeit, doch oft nur wenig Aufwand, um eine motivierende Gesprächsatmosphäre zu erzeugen.
Fühlt sich die gesamte Schule dafür zuständig, wertschätzend und bewusst zu kommunizieren, kann dies auch für Elterngespräche hilfreich sein. Zudem: Möchte eine Schule, dass die Eltern Schulentwicklungsprozesse zum sprachbewussten Unterricht mittragen, sollte sie regelmässig darüber informieren.