Letzte Pestwelle in Basel traf Jugendliche aus armen Bevölkerungsschichten am härtesten
MedienmitteilungPräsidialdepartement
Archäologische Bodenforschung
Bei Ausgrabungen im Basler Stadtcasino von Oktober 2016 bis Juli 2017 konnten Mitarbeitende der Archäologischen Bodenforschung 279 Bestattungen freilegen, die im 16. und 17. Jahrhundert auf dem Friedhof des Almosens ihre letzte Ruhe fanden. Einem interdisziplinären Team von Archäologen, Historikern und Anthropolog*innen der Universität Basel ist es nun gelungen, die sozialen Hintergründe und Lebensgeschichten der hier bestatteten Menschen dank intensiver Studien genauer zu beleuchten. Der Fund einer Pestpfeife bei einem der Toten, die sich nachweislich mit dem Pesterreger infiziert hatten, erlaubte es, einige Bestattungen der letzten Pestwelle zuzuweisen, die Basel 1667/1668 heimsuchte. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forschenden jüngst in der Fachzeitschrift Antiquity.

«Die Datierung dieser Gräber bietet eine seltene Gelegenheit, die Auswirkungen der Pest auf reale Menschen in einer frühneuzeitlichen Stadt wissenschaftlich zu untersuchen», betont die Archäoanthropologin Laura Rindlisbacher. Als Teil ihrer Dissertation werteten sie und ihre Kolleg*innen 154 Bestattungen aus dem Friedhof des Almosens in Basel aus. Nach der Reformation war das Barfüsser-Kloster im 16. Jahrhundert in eine Anstalt für Bedürftige und Randständige umgewandelt worden. Der ehemalige Kreuzgarten wurde als Bestattungsplatz benutzt. Teilweise lagen die Toten so dicht über- und nebeneinander, dass die Archäologen bereits während der Ausgrabung katastrophale Seuchenereignisse vermuteten.
Lebensgeschichten im Knochen gespeichert
Die 154 Individuen wurden in den letzten Jahren am Fachbereich Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) der Universität Basel intensiv untersucht. Der Archäogenetiker Ben Krause-Kyora von der Universität Kiel konnte bei fünf Bestattungen den Pesterreger Yersinia pestis nachweisen. Radiokarbondatierungen der ETH-Zürich liessen die Bestattungsgruppen unterschiedlichen Pestwellen zuordnen, die im 17. Jahrhundert über Basel hinwegfegten und Tausende das Leben kostete. Die Altersbestimmungen legen nahe, dass Jugendliche am schwersten betroffen waren. Das Durchschnittsalter in der Grabgruppe der letzten Pestwelle betrug 17,7 Jahre. Der Schwerpunkt der Studie von Rindlisbacher lag auf Beobachtungen von Anzeichen körperlicher Arbeit sowie auf dem Gesundheitszustand der Toten. Knochen und Zähne dienten ihr als Schlüssel zu den Lebensgeschichten der Verstorbenen. Minutiös untersuchte sie Verformungen, die durch Mangelernährung, chronische oder schwere Krankheiten, aber auch durch hohe Arbeitsbelastungen am Skelett entstehen. Dass in einem Almosenfriedhof vordringlich Arme und Hilfsbedürftige bestattet sind, erklärt die hohe Arbeitsbelastung, die Rindlisbacher bei vielen nachweisen konnte. Oft musste schon in der Kindheit hart gearbeitet werden.
Ungleich bis in den Tod
Aus historischen Quellen sei jedoch zudem bekannt, erklärt Rindlisbacher, dass man während der letzten Pestwelle Massnahmen verordnet hatte wie das Verbot, den Markt zu besuchen und ähnliches. «Personen ohne soziales Netzwerk oder aus der Unterschicht konnten sich diese Massnahmen schlichtweg nicht leisten», gibt Rindlisbacher zu bedenken. Sie wohnten in beengten, heute unvorstellbar schlechten hygienischen Verhältnissen, mussten arbeiten und sich versorgen. Somit traf die Pest jene, die eh schon als Kinder hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt waren, am härtesten, wie Rindlisbachers Auswertungen zur letzten Pestwelle in Basel belegen. Den Autor:innen gelingt es, für die frühe Neuzeit aufzuzeigen, wie soziale Herkunft, Ehrvorstellungen und Ansehen sich auf den Verlauf einer Krankheit auswirken – Einflussfaktoren, die bis heute die Gesundheit und medizinische Versorgung mitbestimmen. Die Bestattungen aus den Stadtcasino-Grabungen ermöglichten es so, das Schicksal von Bevölkerungsgruppen sichtbar zu machen, die in der Geschichtsschreibung sonst kaum zur Sprache kommen.