«Die Kinder dürfen sich wieder neu erleben»
NewsSeit Februar 2026 gibt es an der Primarschule Hirzbrunnen eine Förderklasse. Schulleiter Thomas Grossenbacher berichtet von ersten Erfahrungen, von Veränderungen bei den Kindern und davon, warum die Wirkung dieses neuen Angebots gezielt evaluiert werden muss.

Basler Schulblatt: Wieso hat sich Ihr Standort für die Einführung einer Förderklasse entschieden?
Thomas Grossenbacher: Gerade als Integrationsstandort haben wir gemerkt, dass Integration unterschiedliche Fördergefässe braucht. Für einzelne Kinder reichen die bisherigen Settings nicht aus. Sie benötigen vorübergehend eine kleinere Gruppe, damit Entwicklung und Lernen wieder möglich werden. Ich selbst war sehr nah dran am politischen Prozess und wollte deshalb früh wissen: Wo steht mein Kollegium? Die Mehrheit war für eine Förderklasse. Aber es gab auch kritische Stimmen. Die muss man diskutieren – nur so kommt man weiter.
Was spricht für die Förderklasse?
Wir haben Kinder an unserem Standort, denen wir in diesem kleineren Setting der Förderklasse und mit einem höheren Betreuungsschlüssel eine andere Entwicklung ermöglichen können. Wir beobachten, dass sich Kinder wieder aktiv am Unterricht beteiligen, die sich in ihren Stammklassen nicht mehr gemeldet haben. Und jetzt sind sie mit mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung wieder voll dabei. In unserer altersdurchmischten Förderklasse lernen aktuell neun Kinder der Mittelstufe gemeinsam.
Was haben die Kinder der Förderklasse gemeinsam?
Die Kinder haben grosse Lernschwierigkeiten und verlieren zunehmend das Vertrauen in ihre Fähigkeiten – trotz intensiver Förderung, die sie in ihren Stammklassen bereits erhalten haben. Wir prüfen deshalb sorgfältig, ob die bisherigen Fördermassnahmen ausgeschöpft sind und ob ein konstantes Kleingruppensetting tatsächlich die passende Massnahme ist. Einige dieser Kinder erleben sich in der Regelklasse irgendwann als diejenigen, die etwas nicht können, und sehen nur: «Ich kann das nicht. Auch wenn ich mir noch so Mühe gebe, schaffe ich das nicht.» Dies nagt am Selbstwert der Kinder. Genau diesen Teufelskreis möchten wir durchbrechen.
Welche Erfahrungen machen die Kinder in der Förderklasse?
Die Kinder dürfen sich wieder neu erleben. Sie machen Fortschritte, feiern Erfolge und sind motiviert, Neues zu lernen sowie neue Beziehungen aufzubauen. Der Zusammenhalt in der kleineren Klasse wirkt sich positiv auf das Lernverhalten aus. Die Kinder sehen, dass es andere Kinder in ähnlichen Situationen gibt. Das gibt ihnen Sicherheit – und aus dieser Sicherheit heraus fangen sie wieder an zu lernen.
Wie kommt ein Kind in die Förderklasse?
Das ist ein Prozess, der bewusst aus unterschiedlichen Fachperspektiven geführt wird. Ausgangspunkt sind die Beobachtungen der Klassenlehrpersonen und der Schulischen Heilpädagogik. Wir prüfen anhand definierter Kriterien, ob die bisherigen Fördermassnahmen ausgeschöpft sind und ob die Förderklasse tatsächlich das geeignete Setting ist. Dazu kommt bewusst der externe Blick des Schulpsychologischen Dienstes (SPD). Auch die Eltern und Kinder beziehen wir frühzeitig in diesen Prozess ein.
Gab es Vorbehalte bei der ersten Förderklasse?
Wir mussten viele Gespräche führen und sind dabei auf breite Akzeptanz gestossen. Aber wir hatten ein Kind für die Förderklasse vorgeschlagen, das wir nicht gleich überzeugen konnten. Auch die Eltern wollten, dass das Kind in der Stammklasse bleibt. Der Vorbehalt des Kindes beruhte auf seiner Angst, durch den Eintritt in die Förderklasse ausgesondert zu werden und damit abgestempelt zu sein. Die Kinder vergleichen sich, das ist normal.
Stigmatisiert die Förderklasse?
Ganz ausschliessen lässt sich diese Gefahr nicht. Deshalb ist dies eine Haltungs- und Gestaltungsfrage. Die Förderklasse ist nicht einfach ein Angebot für die «schwächsten» Kinder. Entscheidend ist, dass die Kinder dort Erfolge erleben. Wenn die Schülerinnen und Schüler einander erzählen, dass es ihnen in der Förderklasse gut geht, verändert das auch die Wahrnehmung der Förderklasse bei den anderen Kindern. Die Förderklasse ist ein selbstverständlicher Teil unserer Schulgemeinschaft. Die Schülerinnen und Schüler sind an gemeinsamen Schulanlässen dabei, teilen Pausen, Tagesstruktur oder Schulweg mit den anderen Kindern. So bauen sich Beziehungen auf. Wir sprechen auch offen darüber, dass alle Kinder unterschiedliche Unterstützung brauchen.
Hat dieses Kind seine Meinung geändert?
Einen Monat später ist der Junge auf uns zugekommen und hat gesagt: «Hey, ich will auch.» Er hat mit seinen Kollegen gesprochen, besuchte die Förderklasse eine Woche auf Probe und hat dann in die Förderklasse gewechselt. Heute fühlt er sich wohl.
Wie ist der Weg raus aus der Förderklasse?
Wir überlegen laufend, ob das Kind in der Förderklasse am richtigen Ort ist. Einmal im Semester überprüfen wir gemeinsam die Situation und schauen, ob eine Rückführung in die Stammklasse möglich ist. Dabei denken wir konsequent aus der Perspektive des Kindes: Braucht es vielleicht noch ein halbes Jahr mehr? Was ist das Beste für das Kind? Auch hier beziehen wir den SPD wieder ein. Die Förderklasse ist ein temporäres Förderangebot, die Rückführung gehört fest dazu.
Was hat sich seit der Einführung der Förderklasse an eurer Schule verändert?
Früher standen wir bei einzelnen Kindern irgendwann vor der Frage: Was können wir innerhalb der Regelklasse noch verändern? Heute können wir mit dieser zusätzlichen pädagogischen Möglichkeit differenzierter überlegen, welches Setting ein Kind gerade braucht. Mit den beiden Lehrpersonen der Förderklasse, Eliane Perler und Birgit Herr, ist zudem zusätzliches Know-how ins Kollegium gekommen. Die Förderklasse bringt uns gleichzeitig dazu, genauer über Förderziele, Übergänge und Rückführung nachzudenken. Wichtig ist mir dabei: Ob und wie stark die Förderklasse insgesamt wirkt, möchten wir nicht einfach behaupten – die Evaluation der Massnahme ist uns so wichtig.
Wie geht es mit der Förderklasse weiter?
Wir haben aktuell eine altersdurchmischte Förderklasse für die Mittelstufe. Als Nächstes bereiten wir eine Förderklasse für die Unterstufe vor. Idealerweise können wir damit im Sommer 2027 starten. Allerdings bestehen beim Schulraum Unsicherheiten, was die konkrete Planung erschwert.
Fehlt es an Schulraum?
Die Bewilligung für den angrenzenden Pavillon, der vom Bund ursprünglich für die ukrainischen Flüchtlinge vorgesehen war, läuft 2027 aus. Wir wissen nicht, wie es danach weitergeht – das stresst. Zudem haben wir eine Raumbedarfsmeldung gemacht, weil uns schon vor der Förderklasse Schulraum gefehlt hat. Für eine pädagogisch gute Umsetzung braucht die Förderklasse ein Klassenzimmer und einen Gruppenraum zur Mitnutzung. Ausserdem nutzen die Schülerinnen und Schüler alle Spezialräume mit, die bereits gut belegt sind.
Welche Erfahrungen aus der ersten Förderklasse fliessen in die zweite?
Learnings bauen wir laufend ein. Mit mehr planerischem Vorlauf können wir nun beispielsweise die Elternkommunikation besser strukturieren und die Förderklasse bereits an Elternabenden vorstellen. Ausserdem möchten wir die Evaluation von Anfang an mit einem externen Partner aufgleisen und den «Istzustand» festhalten. So können wir später konkret feststellen, was die Förderklasse bewirkt. Dabei interessieren uns nicht nur die Lernfortschritte, sondern auch das Wohlbefinden und die Selbstwirksamkeit der Kinder. Mögliche Rückführungen, Teilhabe der Kinder sowie die Auswirkungen auf die Regelklassen sollen dabei auch beleuchtet werden. Bei der ersten Förderklasse ging alles so schnell, dass wir das nicht so machen konnten, wie ich es mir gewünscht hätte. Nur mit einer seriösen Evaluation können wir sichtbar machen, was dieses zusätzliche Förderangebot wirklich bringt.
Interview von Maren Stotz, Foto: Grischa Schwank
Förderklasse als neues Förderangebot
Mit dem Massnahmenpaket zur Verbesserung der integrativen Schule haben die Primarschulen zusätzliche Förderressourcen erhalten. Ein Teil der Ressourcen steht ihnen im sogenannten «One Pool» flexibel zur Verfügung: Die Schulleitungen entscheiden aufgrund des Bedarfs am Standort, für welche Förderangebote und Fachpersonen sie diese einsetzen. Möglich sind beispielsweise Fördergruppen, Förderklassen, Lerninseln oder zusätzliche Doppelbesetzungen. In der Regel setzt jede Primarschule mindestens zwei unterschiedliche Förderangebote ein. Ein Bericht (Link unten) ermöglicht Einblicke in die ersten Erfahrungen zur Doppelbesetzung in einem Kindergarten vom Schulstandort Iseli.
Die Förderklasse ist ein zusätzliches, zeitlich begrenztes Förderangebot, das bereits bestehende Fördergefässe der integrativen Schule ergänzt. Sie richtet sich an Schülerinnen und Schüler mit länger andauernden Lernschwierigkeiten, die über eine gewisse Zeit ein konstantes Kleingruppensetting benötigen. Eine Förderklasse umfasst maximal zwölf Kinder und wird von Schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen sowie Regellehrpersonen geführt. Die Entwicklung der Kinder und eine mögliche Rückführung in die Regelklasse werden regelmässig überprüft. An der Primarschule Hirzbrunnen ist die erste Förderklasse im Februar 2026 mit acht Kindern der Mittelstufe gestartet. Ergänzend setzt der Standort weitere Förderangebote ein, darunter die Lerninsel zur zeitlich begrenzten Stabilisierung von Kindern in schwierigen Situationen. Auf Kindergartenstufe ergänzt «StartKlar» die bestehenden Angebote mit gezielten Fördermodulen. Die verschiedenen Angebote ermöglichen unterschiedliche Förderformen für die unterschiedlichen Bedürfnisse und Lernvoraussetzungen der Kinder. Eine zweite Förderklasse für die Unterstufe befindet sich in Vorbereitung. Der Start ist auf Sommer 2027 vorgesehen.