«Kinder starten nie bei null»
NewsSprachliche Vielfalt gehört für Lehrpersonen zum Alltag. Doch was bedeutet das konkret für den Unterricht? Esther Wiesner erklärt, warum Mehrsprachigkeit nicht nur eine Frage der Familiensprachen ist – und weshalb Kinder beim Spracherwerb oft mehr leisten, als man auf den ersten Blick sieht.

Basler Schulblatt: Viele Lehrpersonen erleben sprachliche Vielfalt täglich im Klassenzimmer. Was bedeutet das für den Unterricht?
Esther Wiesner: Wenn man von sprachlicher Vielfalt spricht, denkt man häufig zuerst an Mehrsprachigkeit oder an Deutsch als Zweitsprache. Mir ist wichtig: Sprachliche Vielfalt gibt es immer. Auch dann, wenn alle Kinder in einer Klasse Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch sprechen.
Kinder bringen unterschiedliche sprachliche Erfahrungen mit. Sie unterscheiden sich in ihrem Sprachstand, in dem, was sie zu Hause hören, was sie mit Gleichaltrigen sprechen, welche Wörter sie kennen und in welchen Situationen sie Sprache brauchen. Eine Lehrperson hat deshalb sprachlich gesehen immer einen komplexen Job. Sie muss sich überlegen: Was brauchen meine Schülerinnen und Schüler, damit sie verstehen, worum es geht, und damit sie handlungsfähig sind?
Sie haben Mehrsprachigkeit bereits angesprochen: Was versteht man darunter?
Mehrsprachigkeit hat sehr viele Formen. Es gibt Kinder, die von Anfang an mit zwei oder mehreren Sprachen aufwachsen. Mehrsprachigkeit kann aber auch später entstehen, zum Beispiel wenn jemand in ein anderes Land zieht und die Umgebungssprache Teil des Alltags wird. Wichtig ist: Mehrsprachigkeit bedeutet nicht, dass man eine Sprache perfekt beherrschen muss. Oft reicht es, sie der Situation und dem Kommunikationsziel angemessen zu nutzen – etwa in den Ferien oder im Beruf.
Man kann zwischen äusserer und innerer Mehrsprachigkeit unterscheiden. Äussere Mehrsprachigkeit meint verschiedene Sprachen wie Deutsch, Albanisch, Türkisch oder Französisch. Innere Mehrsprachigkeit bedeutet, dass wir je nach Situation sprachlich kompetent handeln. Mit Freunden sprechen wir anders als im Beruf oder in der Schule und in der Deutschschweiz gehen wir flexibel mit den Varietäten Hoch- und Schweizerdeutsch um.
Wie lernen Kinder eine neue Sprache – und was beeinflusst diesen Prozess?
Ein Kind startet nie bei null. Es bringt aus seiner oder seinen Erst- oder Familiensprachen bereits Wissen mit, etwa darüber, wie man Geschichten erzählt. Dieses Wissen muss es nun in die Zielsprache übertragen. Deshalb verstehen Kinder oft mehr, als sie ausdrücken können.
Wie schnell Kinder eine neue Sprache lernen, hängt stark vom Kontext ab. Wie viel und welchen Kontakt haben sie zur Zielsprache im Alltag? Sind sie die Einzigen in der Klasse oder hören sie die Sprache auch auf dem Pausenhof? Das macht einen grossen Unterschied.
Wo liegen beim Sprachenlernen die grössten Stolpersteine?
Es ist schwierig, kommunikatives Verstehen auch verbal auszudrücken. Kommunikatives Verstehen ergibt sich glücklicherweise nicht nur aus Wörtern, sondern auch über deren Betonen, über begleitendes Lachen, ein Stirnrunzeln oder eine Zeigegeste. Kinder kommunizieren und verstehen also in der Regel mehr, als sie bereits verbal ausdrücken können. Sich dessen bewusst zu sein und sie hierin zu unterstützen, beseitigt die grössten Stolpersteine.
Auf das grammatisch korrekte Sprechen bezogen, sind jene Strukturen besonders schwierig, die man nicht häufig hört, etwa das grammatische Geschlecht oder die Fälle. Solche Dinge gehen uns «gratis ins Ohr», wenn wir mit einer Sprache aufwachsen. Fehlt dieser Kontakt, braucht es gezielte Unterstützung und viele sprachliche Gelegenheiten.
Was fasziniert Sie am Sprachenlernen von Kindern besonders?
Mich fasziniert, mit welchem Elan Kinder diese Herausforderung angehen. Wenn man sich das genauer anschaut, merkt man erst, wie beeindruckend das ist. Sprachenlernen ist eine sehr komplexe Aufgabe. Kinder müssen Laute heraushören, Wörter bilden, Sätze strukturieren und gleichzeitig verstehen, was sie eigentlich sagen wollen. Dazu kommt der Übergang von der Mündlichkeit in die Schriftlichkeit, der oft unterschätzt wird.
Fehler gehören dabei unbedingt dazu. Wenn Kinder Regeln übergeneralisieren, ist das ein Zeichen dafür, dass sie etwas verstanden haben. Auch Rechtschreibfehler sind oft Ausdruck dieses Lernens und zeigen an, wo ein Kind steht und was ihm erklärt werden muss.
Wie können Lehrpersonen Mehrsprachigkeit im Unterricht produktiv nutzen?
Zuerst geht es um Wertschätzung. Es gibt Sprachen mit hohem Prestige, zum Beispiel Englisch oder Japanisch. Andere Sprachen werden schneller mit Vorurteilen verbunden. Solche Erwartungen können sich auf das Selbstbild der Kinder und auch auf ihre Leistungen auswirken. Natürlich kann eine Lehrperson nicht in 20 Sprachen unterrichten. Darum geht es nicht. Aber sie kann zeigen: Deine Sprache zählt.
Wie lässt sich das im Schulalltag konkret umsetzen?
Es gibt Projekte, so etwa unser Projekt «Mehrsprachigkeit als Ressource» mit Bibliomedia, bei denen Lektüren auch in den Erstsprachen der Kinder zur Verfügung gestellt werden. So können Kinder ein Buch in ihrer Erstsprache nach Hause nehmen und gemeinsam mit ihren Eltern lesen oder darüber sprechen. Das signalisiert: Deine Sprache ist wertvoll. Über solche Gespräche entsteht viel, was für die sprachliche Entwicklung wichtig ist. Natürlich bleibt die Zielsprache zentral. Aber sich auch in der Erstsprache mit Inhalten und literarischer Sprache auseinanderzusetzen, kann sehr unterstützend sein.
Sollte man andere Sprachen im Unterricht also zulassen?
Ein Verbot von Sprachen ist aus linguistischer und didaktischer Sicht schwierig. Sprache lernt man in sprachlich reichhaltigen, inhaltlich interessanten und sozial bedeutsamen Situationen. Wenn Kinder miteinander über etwas sprechen, dann passiert Lernen. Deutsch als Schulsprache bleibt das zentrale Ziel. Aber andere Sprachen sind keine Störung, sondern Ressourcen.
Kinder kommunizieren heute nicht nur sprachlich, sondern auch mit Bildern, Videos, Emojis und Audios. Verändert das das Sprachenlernen?
Bilder und Texte zusammen sind nichts Neues. Neu ist eher die Allgegenwärtigkeit der digitalen Medien und dass Kinder sehr früh eigene Zugänge dazu haben. Das kann auch Chancen bieten. Wir hatten zum Beispiel das Projekt «myPad multimodal», in dem jüngere Kinder aus dem Kindergarten und den ersten beiden Primarschulklassen Expertenthemen bearbeitet haben, obwohl sie noch nicht gut schreiben konnten. Sie haben ihr Wissen mit verschiedenen Ausdrucksformen gezeigt, zum Beispiel haben sie es gezeichnet oder per Audio aufgenommen und so weitergegeben. Wenn sie alles hätten aufschreiben müssen, wäre vieles gar nicht sichtbar geworden.
Worauf kommt es bei digitalen Medien an?
Auf die Qualität der Auseinandersetzung. Digitale Medien sind nicht per se gut oder schlecht. Entscheidend ist, wie Kinder begleitet werden und welche Praktiken sie kennenlernen. Und es geht auch um Chancengerechtigkeit. Kinder bringen sehr unterschiedliche Erfahrungen von zu Hause mit. Die Schule hat die Aufgabe, hier auszugleichen.
Im Kanton Basel-Stadt wurde der frühe Französischunterricht gerade untersucht. Immer wieder stellt sich die Frage, ob der Einstieg in der 3. Klasse zu früh ist. Wie schätzen Sie das ein?
Man muss zuerst klären: Was möchte man mit dem Französischunterricht erreichen? Französisch ist eine Landessprache. Es geht also nicht nur um Sprache, sondern auch um ein politisches und kulturelles Bekenntnis. Wenn man die Verbindung innerhalb der Schweiz stärken will, ist das ein wichtiges Ziel.
Ob ein Zeitpunkt «zu früh» ist, kann man nicht allgemein beantworten. Es hängt davon ab, was man möchte. Wenn es darum geht, ein kulturelles Gut kennenzulernen, ist das etwas anderes, als wenn man erwartet, dass Kinder sehr schnell sehr kompetent kommunizieren können. Sprache lernt man besonders gut in bedeutungsvollen Situationen mit einem kompetenten Gegenüber. Das ist im schulischen Fremdsprachenunterricht nicht immer einfach herzustellen.
Wenn Sie Lehrpersonen einen zentralen Gedanken mitgeben könnten: Welcher wäre das?
Wichtig ist, dass Lehrpersonen nicht nur mit Anforderungen auf Sprache schauen, sondern auch mit Faszination. Sprachenlernen ist ein komplexer Prozess, und Kinder leisten dabei sehr viel.
Vor allem aber ist Sprache nicht nur Sache des Deutschunterrichts, in dem der Fokus auf spezifische Sprachkompetenzen gelegt werden kann und der «bewusstes Sprachlernen», ein Einüben von Sprachstrategien, ermöglicht. Sprache spielt in allen Fächern eine wichtige Rolle. Fachliches Lernen benötigt in den meisten Fächern vor allem Sprache und ermöglicht so ein «situiertes Sprachlernen». Ob in Mathematik, Sport oder im Fach «Natur, Mensch, Gesellschaft»: Kinder müssen verstehen, worum es geht, und sie müssen sprachlich handeln können. Das im Blick zu behalten, ist anspruchsvoll. Aber es lohnt sich.
Interview von Tamara Funck
Zur Person
Prof. Dr. Esther Wiesner ist Professorin für Deutschdidaktik und Mehrsprachigkeit im Kindesalter an der Pädagogischen Hochschule FHNW und leitet die Vertiefungsrichtung Schulsprache Deutsch im Joint-Degree-Masterstudiengang Fachdidaktik der Universität Basel.
Materialien für Lehrpersonen
Mehrsprachigkeit als Ressource
Das Projekt «Mehrsprachigkeit als Ressource» macht sprachliche Vielfalt im Unterricht sicht- und nutzbar. Derzeit läuft die Pilotierung; ab Frühling 2027 steht das Angebot allen Lehrpersonen zur Verfügung. Weitere Informationen bei Bibliomedia Schweiz.
Mit Bilderbüchern Sprache fördern
Frei zugängliche Unterrichtsmaterialien für Kindergarten und Unterstufe unterstützen die Sprachförderung mit Bilderbüchern. Im Jahr 2023 lag der Fokus auf mehrsprachigen Bilderbüchern. Mehr Informationen und Materialien finden Sie hier.